Energiebedarf wird weiter steigen
Finnlands Atompolitik: Entscheidung gegen den Strom

Finnen gelten als Pragmatiker, als vernunftgesteuerte und zielorientierte Menschen. Mit dem Beschluss, einen fünften Atomreaktor zu bauen, schwimmt das nordeuropäische Land gegen den Strom: Deutschland und Schweden haben den Atomausstieg bereits mehr oder weniger verbindlich beschlossen, in mehreren anderen EU-Ländern wird über eine Abkehr von der nuklearen Energie diskutiert.

DÜSSELDORF. Zuletzt wurde in der EU 1990 ein Kernkraftwerk in Betrieb genommen. Nach dem Desaster in Tschernobyl galt die Kernenergie als unberechenbar - ein Auslaufmodell. Weht da nun ein neuer Wind aus dem hohen Norden? Hat die Entscheidung in Helsinki eine Signalwirkung für andere, noch zaudernde Länder wie etwa Großbritannien und Italien?

Man kann zur Atomenergie stehen, wie man will, die finnische Entscheidung gibt Grund zum Nachdenken. Die Argumente der Atomkraftbefürworter klingen plausibel: Der Energiebedarf wird künftig weiter steigen, der Anteil der Energieimporte von derzeit rund 70 Prozent muss reduziert werden, zumal ein Großteil von einem einzigen Lieferanten, Russland, stammt. Finnland will außerdem das Klimaschutzabkommen von Kyoto, das eine deutliche Reduzierung der CO2-Schadstoffemissionen vorsieht, unter allen Umständen einhalten.

All diese Argumente sind nicht auf Punkt und Komma auf andere Länder übertragbar, doch im Kern treffen sie auf die meisten Industriestaaten ebenfalls zu. Der Energiebedarf wird nach nahezu allen seriösen Berechnungen trotz eingeleiteter Sparmaßnahmen in den Industrieländern weiter steigen. Die große Abhängigkeit von beispielsweise russischen und norwegischen Erdgasimporten nach Deutschland ist ein Faktum. In der EU ist zudem der Handlungsbedarf enorm, wenn man die Erfüllung der Kyoto-Forderungen Ernst nimmt.

Eines lässt sich nicht wegreden: Treibhausgase entstehen bei der atomaren Stromproduktion nicht. Die Gefahren liegen auf einer anderen Ebene. Wie will Brüssel beispielsweise den neuen EU-Anwärtern im Osten plausibel machen, dass sie sich von der Atomkraft verabschieden müssen, wenn gleichzeitig ein westliches EU-Mitglied den Ausbau einleitet?

Wird nicht die Entscheidung von Helsinki Wasser auf die Mühlen der Opposition in Deutschland und Schweden sein, die bereits angekündigt haben, den Ausstiegsbeschluss im Falle eines Wahlsieges rückgängig zu machen? Damit wäre die Chance, ernsthafter über andere Modelle nachzudenken und klare Investitionsbeschlüsse für den Ausbau alternativer Energieträger zu tätigen, endgültig vertan.

Die Atomkraft-Gegner sprechen von veralteter Technik, mit der zukünftige Probleme gelöst werden sollen. Ein schlechtes Argument: alte Technik, das ist die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen. Mit ihr tickt eine tödliche Zeitbombe in Form einer weiteren Ausdünnung der Ozonschicht.

Und das Kyoto-Abkommen lässt sich damit schon gar nicht erfüllen. Eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit dem Problem ist dringend vonnöten. Sonst ist das Klimaschutzabkommen kaum das Papier wert, auf dem es geschrieben ist. Das finnische "Ja zur Atomkraft" gibt einen Anstoß zu mehr Ehrlichkeit in der Umweltschutz- und Energiedebatte.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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