Engagement der internationalen Gemeinschaft nötig: Balkan könnte Blaupause für Iraks Wiederaufbau liefern

Engagement der internationalen Gemeinschaft nötig
Balkan könnte Blaupause für Iraks Wiederaufbau liefern

Der ehemalige Bosnien-Verwalter Wolfgang Petritsch plädiert dafür, die Erfahrungen aus dem Wiederaufbau des Balkans auch für die Neuordnung des Irak zu nutzen.

BUDAPEST. Obwohl der erbittert geführte Krieg im Irak noch nicht beendet ist, richtet sich der Blick der internationalen Öffentlichkeit schon auf die Neuordnung des Landes nach einem Sturz Saddam Husseins. Experten verweisen in diesem Zusammenhang auf die Erfahrungen mit dem Wiederaufbau des Balkans. Dort hatte der Westen zweimal militärisch eingegriffen, um Bürgerkrieg und Völkermord zu beenden. Der Nato-Einsatz gegen Jugoslawien war außerdem ein wichtiger Schritt zur späteren Absetzung des Milosevic-Regimes. Bis heute engagiert sich die internationale Gemeinschaft beträchtlich in der Region.

Auf der Basis dieser Erfahrungen gehen Diplomaten davon aus, dass die USA nicht allein in der Lage sein werden, die gewaltigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme im Nachkriegs-Irak zu bewältigen. So nennt der Balkan-Experte und frühere internationale Verwalter in Bosnien, Wolfgang Petritsch, die Pläne für ein US-Protektorat im Irak ein "blueprint for desaster" - also ein Konzept, dessen Scheitern absehbar ist. Petritsch plädiert dafür, nach dem Vorbild Bosniens und des Kosovo auch im Irak nach dem Krieg internationale Verwaltungen einzurichten, die vom gesamten Westen politisch, organisatorisch und finanziell getragen werden.

Ebenso notwendig sei die Einbeziehung der arabischen Nachbarn in die politische Neuordnung des Landes. Anders ließen sich Konflikte mit den Anrainerstaaten - die Beziehungen der Schiiten des Iraks zum Iran, die türkischen Probleme mit den irakischen Kurden, die syrische Annäherung an das Saddam-Regime während des Krieges - nicht bewältigen. Nicht anders sei es auf dem Balkan, wo die Sicherheit der ganzen Region von der Stabilität Bosniens oder des Kosovo abhänge.

Petritsch plädiert in diesem Zusammenhang für eine KSZE-ähnliche Institution für den Nahen und Mittleren Osten. Mit der "Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (KSZE) hatten in den 70er Jahren die westlichen Staaten und der kommunistische Ostblock erstmals versucht, Standards für Bürgerrechte, friedliche internationale Beziehungen und wirtschaftlichen Austausch zu formulieren. Dieser KSZE-Prozess hat später beträchtlich zum Kollaps der kommunistischen Regime beigetragen. Aus der KSZE wurde die "Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (OSZE), die auch beim demokratischen Aufbau des Balkans mitwirkt.

"Vor diesem Hintergrund wäre Europa als Vermittler ein wichtiger Partner für die arabische Welt. Unter Berücksichtigung der kulturellen und zivilisatorischen Unterschiede zwischen Europa und dem Nahen und mittleren Osten kann dieser Prozess zur Entwicklung einer arabisch- oder islamspezifischen Demokratie führen," sagt Petritsch. Die Pläne der Amerikaner, ihre Vorstellungen von Demokratie und Freiheit einfach im Irak zu etablieren, hätten ohnehin keinen Sinn. Die Erfahrungen etwa in Bosnien hätten gezeigt, dass es für die Zeit nach Beendigung des Krieges erst einmal wichtig sei, Institutionen zu schaffen, die den Menschen ein gewisses Maß an Sicherheit gäben - also eine funktionierende Verwaltung, Polizei und Justiz.

Tatsächlich zeigt die Erbitterung vieler Iraker über die massiven Bombenangriffe und die Übergriffe gegen Zivilpersonen, dass sie sich mit einer reinen US-Verwaltung kaum abfinden werden. Für den Wiederaufbau werde es von Anfang an notwendig sein, Partner unter allen Volksgruppen des Landes zu finden. Anders lasse sich der Zusammenhalt des Staates nicht gewährleisten. "Man muss sich aber auch darüber klar werden, welches Modell man anstrebt: ob einen Bundestaat, einen Staatenbund, eine Förderation oder was sonst", betont Petritsch.

Klar ist ebenso, und das zeigt der Balkan bis heute, dass die Kosten für den Wiederaufbau eines in weiten Teilen zerstörten Landes wie des Iraks weitaus höher als die Kriegskosten sein werden. Washington muss sich nach Meinung vieler Experten also überlegen, ob es mit einem Alleingang seine Wirtschaft nicht überfordert. Außerdem demonstrieren die bis heute laufenden Prozesse gegen jugoslawische Kriegsverbrecher, dass auch der Irak-Krieg ein juristisches Nachspiel haben wird.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%