Engere Kooperation mit „Welt am Sonntag“
„Welt“ und „Morgenpost“ sparen fleißig

Das Zusammenwachsen der beiden Berliner Tageszeitungen "Welt" und "Morgenpost" macht sich für Springer bezahlt. Doch den erzielten Einsparungen stehen sinkende Auflagen gegenüber.

BERLIN. Die von Rezession im Werbemarkt geschüttelte Zeitungsbranche blickt nach Berlin zum Axel Springer Verlag. Europas größter Printkonzern arbeitet an dem bisher einmaligen Projekt, die überregionale "Welt" mit dem Lokalzeitung "Berliner Morgenpost" zu verschmelzen. Mittlerweile gibt es nur noch eine einzige Redaktion unter Leitung des "Welt"-Chefredakteurs Wolfram Weimer. Sinn des Experiments im Springer-Hochhaus: Senkung der Kosten, Steigerung der Qualität. Optimisten im Springer-Verlag sehen darin ein Modell auch für andere Zeitungshäuser.

Doch die im Dezember vergangenen Jahres angekündigte Fusion der Zeitungsredaktionen ist noch nicht vollendet. Während der Redaktionskonferenz fragt der Kollege von der "Welt" freundlich: "Guten Tag, sind Sie von der ,Berliner Morgenpost?? Ich habe Sie hier noch nie gesehen." Man kennt sich noch nicht in den beiden Tageszeitungen, die seit Jahresbeginn zu einer schlagkräftigen Truppe zusammenwachsen. Ob das Vorhaben ein Erfolg wird, ist offen. Bisher hat die Zusammenlegungen von Redaktionen vor allem Arbeitsplätze gekostet. 130 der vormals etwa 500 Redakteure haben ihre Arbeit verloren. Zwischenstand: Die Kosten sind gesunken.

Welt-Chefredakteur Wolfram Weimer macht derzeit Tempo. Nach der Redaktionsfusion mit der "Morgenpost" soll sein Blatt auch noch enger mit der "Welt am Sonntag" (WamS) zusammenarbeiten. "Wir kooperieren so weit es irgend geht", sagt Weimer dazu dem Handelsblatt. Die beiden Lokalredaktionen in Hamburg und Berliner werden bereits im kommenden Monat zusammengelegt. Angesichts des schwachen Anzeigenmarktes ist der Druck in den vergangenen Monaten noch größer geworden. Einen weiteren Arbeitsplatzabbau will Weimer daher nicht ausschließen. Das kann bei Springer ohnehin niemand, schließlich sind bisher erst 70 % der insgesamt 1 400 angepeilten Stellen im Konzern gestrichen worden.

"Die Stimmung ist noch immer hochsensibel", formulierte es diplomatisch ein Betriebsrat. Weimer nimmt darauf Rücksicht und betont die Unabhängigkeit der WamS. "Die Welt und die WamS brauchen ihre eigene Identität, ihren Rhythmus, ihr jeweiliges Charisma. Denn die ,Welt? kommt vor allem durch die Bürotür, die Wams durch die Wohnzimmertür." Im einheitlichen Takt funktionieren dagegen aus Weimers Sicht schon "Welt" und "Morgenpost". Sein Fazit: "Die beiden neuen Zeitungen werden gut im Markt aufgenommen." Wie Leser und Anzeigenkunden auf die Veränderung langfristig reagieren, werde sich sehr viel später zeigen, muss Weimer allerdings einräumen. Publizisten wie der Medienwissenschaftler Axel Zerdick erwarten, dass die "Lesertreue zur Zeitung im Schnitt zwischen fünf und zehn Jahren liegt".

Die "Berliner Morgenpost" liegt in der Hauptstadt im Wettbewerb auf Platz zwei. Die verkaufte Auflage (Montag bis Freitag) sank im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf knapp 144 000 Exemplare von annähernd 151 000 und damit etwa so stark wie die der "Berliner Zeitung", die zuletzt mit 188 000 Exemplaren Marktführer war. Nur die dritte wichtige Abonenntenzeitung Berlins, der "Tagesspiegel", legte um 1 000 Exemplare zu auf fast 136 000. Die überregionale Zeitung "Welt" folgte dem allgemeinen Negativtrend und verlor in diesem Zeitraum - um rund 7,7 % auf 235 500 (Montag bis Samstag).

Eines ist trotz sinkender Auflagen klar: Springer spart Geld. Die Kosten der beiden Blätter, so heißt es hinter vorgehaltener Hand im Hause, hätten sich um 15 Mill. Euro verringert. Freilich, die Summe entspricht nur einem Drittel der jährlichen Verluste der "Welt". Auf dem Anzeigenmarkt ist keine Besserung in Sicht. Offen ist, wie die Springer-Blätter mit ihren geplanten Anzeigen-Kombinationen auf dem rückläufigen Berliner Markt reüssieren werden. Vorläufig halten sie das gemeinsame Werbepaket zurück. In der Branche wird vermutet, sie warten ab, wie das Kartellamt sich zur Übernahme der "Berliner Zeitung" durch den Holtzbrinck-Konzern äußert, zu dem außer dem "Handelsblatt" auch der "Tagesspiegel" gehört.

Bei Springer gibt man sich selbstbewusst. "Es ist ein Zeitungsverbund mit 1,2 Millionen Lesern entstanden - die mächtigste publizistische Stimme aus der Hauptstadt. Wenn es uns damit noch gelingt, wirtschaftlich voranzukommen, ist das sensationell", sagt Weimer.

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