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England feiert Rooney - Henry-Tore wecken Frankreich

Lissabon (dpa) - Die Rooney-Schau geht weiter, doch in die Hysterie um «Wunderknabe» Wayne Rooney mischte sich auch Bestürzung über den Tod eines englischen Fußballfans.

Lissabon (dpa) - Die Rooney-Schau geht weiter, doch in die Hysterie um «Wunderknabe» Wayne Rooney mischte sich auch Bestürzung über den Tod eines englischen Fußballfans.

Am Tag nach dem glorreichen 4:2-Sieg über Kroatien, der die «Löwen» im Viertelfinale auf EM-Gastgeber Portugal treffen lässt, hatten die Momente der Betroffenheit im englischen Camp aber kaum eine Chance gegen die ekstatische Begeisterung in der Heimat. «Wunder Wayne. England rockt im Rooney-Rhythmus», jubelte der «Daily Express». Der zurückhaltende Teammanager Sven-Göran Eriksson ließ sich von der Rooney-Manie mitreißen und adelte den 18-jährigen Teenager zum größten Talent seit Pelé.

Als der Stürmerstar, der bereits beim 3:0 gegen die Schweiz zwei Mal getroffen hatte, nach 71 Minuten im Estadio da Luz in Lissabon für Darius Vassell den Platz verließ, huldigten die rund 40 000 englischen Fans ihrem Fußball-König mit donnerndem Applaus. Rooney durfte noch den Pokal als «Mann des Spiels» abholen, ehe er ohne weiteren Kontakt mit den Medien auf «Geheimwegen» ins Hotel kutschiert wurde. Dort war nach Auskunft von Verbandssprecher Colin Gibson die Stimmung «etwas bedrückt, obwohl der schreckliche Vorfall wohl nichts mit Fußball zu tun hat».

Eriksson hielt am Abend zuvor eine Lobeshymne auf Rooney, der nach Kroatiens Führung durch den Berliner Hertha-Star Niko Kovac (5.) England mit zwei Treffern (45.+1/68.) auf die Siegerstraße geschossen hatte. Paul Scholes (40.) und Frank Lampard (79.) schmückten mit weiteren Toren die Rooney-Gala. «Ich kann mich nicht an einen Spieler erinnern, der seit Pelé bei einem großen Turnier so eine Rolle gespielt hat», schwärmte der Schwede, «Wayne ist absolut fantastisch. Er schießt nicht nur Tore, er spielt auch Fußball.»

Auch Englands Yellow Press zog den Vergleich mit dem genialen Brasilianer, der bei der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden als 17-Jähriger die Fußball-Welt verzauberte. «Pelé II. Roo lähmt die Kroaten», titelte «The Sun». In Faro stimmte Rudi Völler in die Lobeslieder mit ein. «Rooney steht vorne wie eine Eiche und geht trotzdem geschickt mit dem Ball um. Er ist nur schwer zu fällen», sagte der DFB-Teamchef. Auch aus den eigenen Reihen hagelte es nur Komplimente. «Wayne ist Europas bester Spieler», meinte Gerrard. «Er hat es verdient, in den Schlagzeilen zu stehen. Wayne ist wunderbar. Ich hoffe nur, er bleibt auf dem Boden», sagte David Beckham.

Zunächst aber soll das Stürmer-Juwel Englands Krone gegen Portugal verteidigen. «Das wird schwer. Portugal ist eine komplette Mannschaft mit Ausnahmespielern wie Figo, Ronaldo oder Nuno Gomes», meinte Eriksson, «aber wenn wir so wie gegen Kroatien spielen, sind wir kaum zu schlagen.» Dank Rooney traut Otto Baric den Engländern sogar den EM-Titel zu. «Er ist außergewöhnlich, aber kein Phänomen», erklärte der 71-jährige Trainer-Veteran, der sich mit dem Vorrunden-K.o. als kroatischer Nationaltrainer verabschiedete: «Der Verband will den Vertrag verlängern, aber ich will nicht.»

Auch der schlafende Riese Frankreich ist bei der Fußball-EM in Portugal endlich erwacht. «Thierry Henry lässt den Wecker klingeln», titelte die französische Tageszeitung «France Soir». Der zuvor von rätselhafter Ladehemmung befallene Torjäger vom englischen Meister FC Arsenal hatte Titelverteidiger Frankreich mit zwei Toren (76./84.) fast im Alleingang zum 3:1-Erfolg über die Schweiz, zum Gruppensieg und ins Viertelfinale gegen Griechenland geschossen.

«Titis Tore tun dem Team gut», lobte Henrys kongenialer Partner Zinedine Zidane den wieder erwachten Torinstinkt des 26-Jährigen, der zuletzt am 15. November 2003 beim 3:0 gegen Deutschland in der «Arena AufSchalke» für die «Equipe Tricolore» getroffen hatte. Zidane selbst hatte mit seinem dritten EM-Tor das 1:0 (20.) vorgelegt. Der Doppelpack von Coimbra war ein Befreiungsschlag für den kritisierten und schon von Selbstzweifeln gepackten Torjäger. «Thierry wird jetzt fliegen, er hat schon abgehoben», meinte «Joker» Louis Saha, der mit der ersten Ballberührung per Kopf Henry das Ende dessen Durststrecke ermöglichte. In seinem 61. Länderspiel waren es die Tore 26 und 27.

Abheben, genau das will Henry nicht. «Ich habe gespielt wie immer in den Spielen zuvor, nur mit dem Unterschied, dass mir diesmal die Tore gelungen sind», blieb der als weltbester Stürmer Geltende auf dem Boden. Ein Sonderlob zollte Trainer Jacques Santini, der stets an seinen Torjäger geglaubt hatte. «Der Erwartungsdruck war fast schon unmenschlich. Beide Tore hat er toll herausgespielt. Sie machen alle froh - besonders ihn selbst», meinte der 52-Jährige und fügte hinzu: «Es war wichtig, dass er getroffen hat, denn er ist einer meiner Führungsspieler.» Auch Henrys Clubtrainer Arsène Wenger freute sich, dass bei seinem Juwel endlich der Knoten platzte. Die Kritik, Henry sei müde, wischte der Elsässer vehement vom Tisch: «Unsinn, Thierry hat die Kraft für 70 Saisonspiele.»

Trotz des von den anderen Führungsspielern Zidane und dem nur auf der Bank sitzenden Kapitän Marcel Desailly fast erzwungenen Wechsel des Spielsystems von 4-4-2 auf 4-3-1-2 lief es immer noch nicht rund. «Die Abwehr hat noch Schwächen, wie die Gegentore beweisen», kritisierte Torwart Fabien Barthez. Auch fehlt noch die Harmonie zwischen Mittelfeld und Angriff. «Ein Sieg ohne Glanz und Gloria», schrieb die Zeitung «Le Figaro». Jetzt wartet Otto Rehhagel mit seinen Griechen auf den Titelverteidiger. «Ganz klar, wir wollen ins Finale, aber das ist noch ein weiter Weg. Die Griechen haben ein solides und kompaktes Team mit einer starken Abwehr», warnte Santini vor dem Duell im Alvalade-Stadion von Lissabon. «Ich habe Respekt vor den Griechen, aber es ist besser, dass wir Portugal aus dem Weg gehen», meinte Matchwinner Henry.

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