England war die WM egal
Uruguay 1930: Europa ignorierte die WM-Premiere

Das Mutterland des Fußballs fehlte bei der Weltmeisterschafts-Premiere am 13. Juli 1930 in Uruguay - und das Gros der Europäer auch.

dpa HAMBURG. Bis auf Jugoslawien, Rumänien, Frankreich und Olympiasieger Belgien, die gemeinsam auf der "Conte Verde" nach Südamerika schipperten, scheuten sie die wochenlange, kostspielige Schiffsreise. Den "Erfindern des Spiels mit dem runden Leder" war das Turnier der verhassten FIFA vor 72 Jahren schlicht schnuppe.

Der sportliche Wert blieb deshalb umstritten, zumal die in Europa dominierenden Teams aus Österreich, Ungarn und der Tschechoslowakei ebenfalls daheim geblieben waren. Auch Deutschland und Schweden blieben der WM in Montevideo fern, die zum ersten und bislang letzten Mal ausschließlich in einer Stadt ausgespielt wurde.

Jugoslawien vertrat die Alte Welt ehrenvoll und zog als einer von vier Vorrunden-Siegern ins Halbfinale ein. Sensationell hatten sie Brasilien 2:1 geschlagen. Gleichwohl war Brasilien zu dieser Zeit noch nicht die Fußball-Macht Südamerikas. Der einzige kontinentale Konkurrent, den Uruguay damals ernst zu nehmen gewillt war, hieß Argentinien - der Endspielpartner.

Zuvor mussten sich die WM-Gastgeber gegen Jugoslawien durchsetzen, das durch den Sieg über Brasilien zur Turnier-Attraktion geworden war. 93 000 Zuschauer - mehr als im nicht ausverkauften Finale - pilgerten ins Stadion Centenario und sahen ein triumphales 6:1 ihres Teams. Mit dem gleichen Resultat schaltete Argentinien die USA aus, die dank kurz zuvor eingebürgerter schottischer Einwanderer überraschend stark auftrumpften. Beste Vorzeichen also für ein grandioses Endspiel, das Uruguay nach tollem Endspurt 4:2 gewann.

Auf dem Weg von Buenos Aires über den Rio de la Plata zum Finalort Montevideo waren viele argentinische Fans stecken geblieben. Dennoch waren die Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft. Was in Europa noch völlig unbekannt war, zählte in Südamerika zum Alltag: prügelnde, randalierende und bewaffnete Fans. Im neuen Stadion von Montevideo wurden sie durch einen 2,5 m hohen Drahtzaun, einen Wassergraben und Hundertschaften von Polizei und Militär in Schach gehalten.

Das dramatische "Spiel hinter Gittern" blieb friedlich. Uruguays Top-Star war Leone Andrade, der erste Schwarze des Weltfußballs. Schon bei Olympia 1928 in Amsterdam war er Garant der Goldmedaille. Vergessen und bettelarm starb er 58-Jährig im Oktober 1957 in Montevideo. Als sein großer Gegenspieler, Guillermo Stabile, 1966 zu Grabe getragen wurde, trauerte ganz Argentinien um den mit acht Treffern ersten WM-Torschützenkönig.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%