Enron-Bilanzskandal
Citigroup und J.P. Morgan Chase drohen Untersuchungen

Den beiden größten US-Finanzinstituten Citigroup und J.P. Morgan Chase drohen nach Angaben eines Senats-Ausschusses Untersuchungen durch die US-Börsenaufsicht SEC sowie der US-Justizbehörden im Zusammenhang mit der Verwicklung in den Enron-Bilanzskandal.

Reuters WASHINGTON. Der Ausschuss des US-Senats werde den Fall an die Behörden weiterleiten, sagte der Ausschuss-Vorsitzende Carl Levin in der Nacht zum Mittwoch nach einer zehnstündigen Anhörung von Mitarbeitern beider Banken.

Die beiden Banken stehen dem Untersuchungsausschuss zufolge unter Verdacht, dem mittlerweile insolventen Energie-Händler Enron und zehn weiteren Unternehmen Kredite in Milliarden-Dollar-Höhe mittels verschleierter Rohstoff-Geschäfte bereitgestellt zu haben. Citigroup und J.P. Morgan hätten an den Geschäften kräftig verdient und die Idee an mindestens zehn weitere Unternehmen verkauft. Bei den Transaktionen hätten die Unternehmen mit dem Wissen der beiden Banken Finanzhilfen nicht als Kredite, sondern als Cash-Flow verbucht. Mitarbeiter der Finanzinstitute wiesen die Vorwürfe zurück.

An den europäischen Aktienmärkten gaben Finanztitel am Mittwoch kräftig nach. Investoren befürchten nach Händlerangaben, dass die Finanzbranche weiter durch die Geschehnisse um den Enron-Skandal in Mitleidenschaft gezogen werde. Am Dienstag waren die Aktien der beiden US-Großbanken bereits an der Wall Street kräftig eingebrochen, nachdem sich die Vorwürfe erhärtet hatten.

Citigroup und J.P. Morgan zählen auch zu den größten Gläubigern des US-Telekomkonzerns WorldCom, der am Sonntag Gläubigerschutz beantragt hatte und damit Enron als bislang größten Konkurs-Fall der US-Firmengeschichte auf Platz Zwei verwiesen hatte.

"Ende noch nicht in Sicht"

"Meiner Ansicht nach ist das eine ziemlich traurige Geschichte und da dürfte wohl noch einiges mehr ans Licht kommen", sagte Levin. In den Jahren von 1992 bis 2001 haben J.P. Morgan und Citigroup nach den Erkenntnissen des Ausschusses Enron zu Öl- und Gas-Transaktionen von eigens geschaffenen Off-Shore-Firmen verholfen. Diese Transaktionen hätten Enron Kredite in Höhe von 8,5 Milliarden Dollar eingebracht. Die Struktur der Geschäfte habe es erlaubt, dass Enron die Einnahmen von den Firmen als Cash-Flow aus dem laufenden Geschäft verbuchen konnte anstatt diese als Kredite zu verbuchen.

Citigroup und J.P. Morgan hätten an den komplexen Transaktionen kräftig Gebühren und Zinszahlungen kassiert, wie der Ausschuss weiter herausfand. Die Geschäfte seien derart erfolgreich gewesen, dass die beiden Banken die Ideen bündelten und an andere Firmen quasi weitervermarkteten. J.P. Morgan Chase habe den Ausschuss informiert, mit sieben anderen Firmen neben Enron eine Zahlungs-Praxis wie im Fall Enron begonnen zu haben, hieß es weiter. Citigroup signalisierte, die Idee an 14 weitere Unternehmen herangetragen und sie mindestens an drei erfolgreich verkauft zu haben.

Levin bezeichnet das Geschäft mit den Zuflüssen von Firmen, welche die Empfänger-Unternehmen als Vorauszahlungen verbuchten, als Bilanzfälschung. "Chase und Citigroup wussten, was Enron da tat, halfen Enron und profitierten von diesen Aktionen", sagte Levin.

Mitarbeiter beider Banken weisen Vorwürfe zurück

Die vor dem Ausschuss befragten Mitarbeiter beider Banken wiesen die Vorwürfe zurück. Die Praxis solcher Vorauszahlungen sei in der Branche üblich. Zudem erschienen die Geschäfte mit Enron auf Basis des damaligen Wissenstandes über den Energiehändler und dessen Wirtschaftsprüfer als legitim. "Die auftauchenden Fakten allerdings lassen darauf schließen, dass Enron nicht das Unternehmen war, was wir gedacht hatten", sagte David Bushnell, Chef der Risiko-Management-Sparte der Citigroup. Die Banken erklärten zudem, es sei nicht ihr Fehler gewesen, dass Enron die Zahlungen falsch verbuchte. "Wir bieten unseren Kunden keine Bilanz-Beratung an", sagte Jeffrey Dellapina von J.P. Morgan Chase, der mit den Enron-Geschäften zu tun hatte.

Rick Caplan, der bei der Citigroup das Kredit-Derivate-Geschäft in Nordamerika mitverantwortet, sagte: "Enron hat der Citibank versichert, dass die Bilanzierungspraxis mit den Vorauszahlungen vollständig von Arthur Andersen, die damals zu den führenden US-Wirtschaftsprüfern zählten, untersucht wurde."

Andere Banken ebenfalls involviert

Enrons ehemalige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen war im Juni für schuldig befunden worden, im Enron-Fall die Justiz behindert zu haben. Die Gesellschaft hatte angesichts einer drohenden Untersuchung des Falls Unterlagen und Dokumente im großen Stil vernichtet.

Wie der Ausschuss weiter herausfand, wären die gesamten Schulden von Enron im Jahr 2000 um 40 Prozent höher ausgefallen und die Einnahmen aus dem Geschäft um 50 Prozent geringer, wenn es die Praxis der Vorauszahlungen nicht gegeben hätte.

Neben J.P. Morgan und der Citigroup sind den Angaben des Ausschusses zufolge auch andere Banken mit einem Gesamtvolumen von einer Milliarde Dollar involviert. Dies seien die Banken Credit Suisse Group Inc., Barclays Plc, FleetBoston Financial Corp, Royal Bank of Scotland Group Plc und Toronto-Dominion Bank.

An den europäischen Aktienmärkten gaben Finanztitel am Mittwoch nach, was Händler unter anderem auf die Entwicklungen in den USA zurückführten. "Es ist das Nachbeben, das heute Nacht aus den USA kam", sagte Stephen Ford, Investment Manager in London. Die Verluste bei Bankenaktien seien nun die Quittung für alle, die Enron behilflich waren. Der Index für den europäischen Bankensektor gab um knapp 4,35 Prozent nach während der Gesamtmarkt mit 3,3 Prozent im Minus lag.

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