Enron, Kirch, Holzmann – die Hiobsbotschaften reißen nicht ab
Faule Firmenkredite belasten Bankaktien

Fast täglich ein neuer Kreditausfall in Millionenhöhe: Die schlechten Nachrichten für Aktionäre deutscher Großbanken nehmen derzeit kein Ende. Einige Analysten warnen, dass die Situation sich noch weiter verschlechtern wird, wenn die Konjunktur sich nicht bald erholt. Aber nicht alle deutschen Großbanken sind gleich betroffen.

FRANKFURT. Preisfrage: Was haben Kenneth Lay, Konrad Hinrichs und Leo Kirch gemeinsam? Antwort: Jeder der drei (Ex-)Konzernchefs kostet die deutschen Banken viele Millionen Euro, einer (Kirch) sogar mehrere Milliarden. Die Risiken aus faul gewordenen Firmenkrediten beunruhigen zunehmend die Aktionäre der großen drei börsennotierten Kreditinstitute - Deutsche Bank, Hypo-Vereinsbank und Commerzbank. Und auch die Allianz - Tochter Dresdner Bank kämpft mit den gleichen Problemen.

Dabei geht es nicht nur um Großunternehmen wie den US-Energieriesen Enron, den Lay in den Bankrott manövrierte; den von Hinrichs in die Pleite geführten Baukonzern Holzmann oder um Kirchs marodes Medienimperium. "Hohe Risiken stecken im Kreditgeschäft mit mittelständischen Firmenkunden", sagt Andreas Pläsier, Branchenanalyst der Hamburger Privatbank Berenberg.

Der kranke Mann

Auch der Chef der Landesbank Hessen-Thüringen, Günter Merl, warnte gestern bei der Bilanzvorstellung: "Das Insolvenzrisiko bei den Unternehmen wird hoch sein. Das wird dieses Jahr alle Banken belasten". Die Experten des spezialisierten Research-Hauses Fox - Pitt, Kelton merken an, deutsche Banken seien stärker als ihre europäischen Konkurrenten von faulen Krediten belastet. Drastischer drückt sich die Ratingagentur Standard & Poor?s (S&P) aus: "Deutschland ist der kranke Mann Europas", so S&P-Analyst Scott Bugie.

Kein Wunder, dass die Kurse von Hypo-Vereinsbank und Commerzbank seit Wochen vor sich hin dümpeln. Gestern stieg zwar der Hypo-Vereinsbank-Kurs kräftig. Doch die Titel liegen immer noch mehr als 50 % unter ihrem Rekordstand vom Sommer 1998. Auch die Deutsche-Bank-Aktie muss immer wieder Rückschläge wegen neuer Nachrichten über Kreditausfälle verkraften. Die Dresdner-Bank-Aktie führt indes ein wechselhaftes Eigenleben, seit fast alle Anteile vom Versicherer Allianz aufgekauft wurden. Nur wenige Analysten beobachten deshalb die Dresdner-Titel noch.

Die Analysteneinschätzungen zur deutschen Gesamtbranche sind gespalten. So setzt der Leiter des Bankenteams bei Sal. Oppenheim, Metehan Sen, auf eine schnelle Konjunkturerholung in der zweiten Jahreshälfte. Dann würden Erträge und Aktienkurse der deutschen Bank schnell wieder anspringen, darüber sind sich die Experten einig. Andere Analysten warnen aber vor den Risiken. "Wenn die Konjunktur nicht bald anzieht, droht eine weitere Welle von Kreditausfällen", sagt Bankanalyst Marijn Smit vom niederländischen Geldhaus ABN Amro in Amsterdam.

Risikovorsorge auf hohem Niveau

Alle deutschen Großbanken mussten die Risikovorsorge für das vergangene Jahr bereits kräftig erhöhen. Dieser Posten stellt Rückstellungen dar für den Fall, dass Kredite nicht zurückgezahlt werden. Die Risikovorsorge schmälert somit den Bilanzgewinn der Kreditinstitute - und damit auch die Summe, die für Dividenden zur Verfügung steht. Viele Experten rechnen fest damit, dass die Banken ihre Risikovorsorge im laufenden Jahr auf hohem Niveau halten oder sogar erneut erhöhen müssen.

"Das Schlimmste liegt noch vor uns", warnt Smit, "und in den Aktienkursen ist eine weitere Verschlechterung der Lage nicht berücksichtigt". Soll heißen: Aktionäre müssen mit Kursverlusten rechnen, sobald weitere Schieflagen bekannt werden. "Jeder neue Name, der im Zusammenhang mit Zahlungsproblemen auftaucht, wird zu Kursbelastungen führen", sagt Berenberg-Analyst Pläsier.

Oppenheim-Experte sieht Kurschancen für Bankaktien

Oppenheim-Experte Sen ist allerdings anderer Meinung: "Wir werden bei den Rückstellungen eher positiv überrascht werden". Sen glaubt, dass die Institute die Risiken im Wesentlichen berücksichtigt haben - und sieht daher Kurschancen für Bankaktien.

Entscheidend wird sein, ob der allgemein erhoffte Konjunkturaufschwung bereits in der zweiten Jahreshälfte kommt - oder erst später. "Je länger die Flaute anhält desto stärker geraten auch eigentlich gesunde Firmen in Gefahr", warnt Pläsier. Wenn zum Beispiel immer mehr Kunden nicht mehr pünktlich zahlen, wirft das womöglich auch einen bislang stabilen Mittelständler schnell aus der Bahn.

Typischerweise folgen die Kreditausfälle dem Konjunkturzyklus im Abstand von einigen Monaten. Denn in schlechten Zeiten zehren die Firmen von der Substanz. Umgekehrt kommt die Konjunkturwende - wenn sie denn kommt - für manche Firmen zu spät. Ihre Kredite müssen dann abgeschrieben werden, obwohl der Aufschwung schon begonnen hat.

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