Archiv
Entdeckt: Leben und Werk der Jüdin Charlotte Salomon

Frankfurt/Main (dpa) - 60 Jahre nach ihrem Tod kann das malendes Pendant zur Tagebuchschreiberin Anne Frank in Frankfurt entdeckt werden: Das Frankfurter Städel-Museum zeigt das künstlerische Lebenswerk von Charlotte Salomon, die als junge Frau 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde.

Frankfurt/Main (dpa) - 60 Jahre nach ihrem Tod kann das malendes Pendant zur Tagebuchschreiberin Anne Frank in Frankfurt entdeckt werden: Das Frankfurter Städel-Museum zeigt das künstlerische Lebenswerk von Charlotte Salomon, die als junge Frau 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde.

Die in Berlin geborene Jüdin schuf in nur zwei Jahren 1325 Bilder, in denen sie ihre dramatische Lebensgeschichte festhielt. Ihr bislang weitgehend unbekanntes Oeuvre ist nun erstmals in großen Teilen in ihrem Heimatland zu sehen. Weitere Stationen der Ausstellung sind nach dem 22. August Berlin und Chemnitz.

Die Wasserfarben-Arbeiten sind nicht nur als zeitgeschichtliches Dokument interessant, sondern auch künstlerisch bedeutend, findet Kuratorin Sabine Schulze. Salomon arbeitet «in drei Spuren» parallel: Bild, Text und Musik stehen gleichberechtigt nebeneinander. Zu jeder ihrer Gouachen gibt es zunächst ein transparentes Textblatt, später schreibt sie die Kommentare direkt in das Bild hinein. Jeder Station des «Singspiels» ordnet Salomon ein Musikstück zu, mal Klassik, mal Schlager, mal Volkslied.

«Wir können uns auch nicht vorstellen, wie Charlotte Salomon sich die Rezeption vorstellte», gesteht Schulze. Das Städel hat sich dafür entschieden, die Musik per Kopfhörer einzuspielen. Die Texte sind der besseren Lesbarkeit wegen auf die Wand geschrieben. 280 Blätter hat das Städel für die Deutschlandreise ausgewählt, die Text-Blätter auf Butterbrotpapier sind aus konservatorischen Gründen nicht dabei.

Obwohl Salomon keinen Kontakt zu anderen Malern hatte, sind ihre Bilder für Schulze «auf der Höhe der künstlerischen Entwicklung ihrer Zeit». Sie scheinen verwandt mit Edvard Munch, James Ensor, Max Beckmann oder Marc Chagall. Salomons gesamtes Werk entstand zwischen 1940 und 1942 im Exil in Südfrankreich. Erst nach Ende des Krieges wurde die Holzkiste mit ihrem gemalten Leben entdeckt und gelangte nach Amsterdam, wo der Vater, ein Medizinprofessor, und die Stiefmutter, eine berühmte Sängerin, den Krieg in einem Versteck überlebt hatten.

Was hatte die 23-Jährige bei Ausbruch des Schaffensdrangs nicht alles erlitten in ihrem Leben. Die Bedrohung und Schikane durch die Nationalsozialisten - in den Blättern eine dumpfe, gesichtslose Masse - verblasst fast gegen die privaten Dramen. Breiten Raum in dem Lebenszyklus nimmt Charlottes erste Liebe ein: Der Mann macht ihrer Stiefmutter den Hof und trifft sich dennoch heimlich mit der 14- Jährigen. Zweiter biografischer Fixpunkt sind die Selbstmorde in der Familie: Fast alle weiblichen Verwandten nahmen sich das Leben, Tante, Mutter, Großmutter. In einer der letzten Stationen des Zyklus rät der Großvater dem Kind: «Nun nimm dir doch schon endlich das Leben, damit das Geklöne endlich aufhört.»

In Charlotte tobt ein Kampf zwischen angeborener Melancholie und starkem Lebenswillen: «Träume - was bildet ihr euch immer neu und hell aus soviel Leid und Schmerz? Wer gab das Recht?» überschreibt sie ein Selbstporträt. Ein anderes trägt die Aufschrift «Lieber Gott, lass mich bloß nicht wahnsinnig werden.» Schulze interpretiert das Werk daher als «eine Form der Überlebenshilfe». Doch als der Versuch, sich malend am Leben zu erhalten, fruchtet, kommen die Nazis, verschleppten die Künstlerim nach Auschwitz und bringen sie - jung verheiratet und im fünften Monat schwanger - um.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%