Entdeckung der "mentalen Faustregeln"
Ökonomie-Nobelpreis geht an Wirtschafts-Revolutionäre

Den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten in diesem Jahr zwei Amerikaner, Daniel Kahneman und Vernon Smith, die wenig vom Bild des stets streng rational abwägenden Wirtschaftsteilnehmers halten.

dc/tmo DÜSSELDORF. Wer sich bei der akuten Vielzahl weltwirtschaftlicher Krisenzeichen vom Ökonomie- Nobelpreis klare Orientierungsmarken für die Wirtschaftspolitik erhofft hatte, wird enttäuscht: Das Werk von Daniel Kahneman und Vernon Smith enthält kein makroökonomisches Rezept. Es verdeutlicht nicht, warum zu hohe Staatsschuld und überregulierte Arbeitsmärkte Wohlstand mindern.

Im Gegenteil: Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, das typisierende Menschenbild vom "Homo Oeconomicus", dem stets rational abwägenden Eigennutz-Maximierer, anzukratzen - und damit ein Fundament der geläufigen Wirtschaftswissenschaft. Vernon Smith und Daniel Kahneman sowie dessen 1996 verstorbener Wegbegleiter Amos Tversky haben die so genannten "Behavioral Economics" begründet. Diese Strömung versucht, die ökonomische Theorie um Erkenntnisse der Psychologie zu erweitern.

"Die herkömmliche ökonomische Theorie beruht einseitig auf rationalem Urteilsvermögen", erklärt Vernon Smith. Unbewusste Prozesse oder Einflüsse gesellschaftlicher Normen auf Entscheidungen blende diese Theorie dagegen aus. Smith ist damit kein Phantast - er lehrt und forscht an der George Mason University, Virginia, die schon Wirkungsstätte renommierter Ökonomen wie James M. Buchanan und Gordon Tullock war. Kahnemann ist Professor an der Princeton University, New Jersey.

Ausgangspunkt für Kahneman und Tversky war die Erkenntnis, dass menschliches Verhalten sehr oft strengen Rationalitätskriterien zu widersprechen scheint. In experimentellen Untersuchungen fanden Kahneman und Tversky neue, psychologisch fundierte Erklärungen. Ein berühmter Nachweis dafür, wie scheinbar irrational Entscheidungen unter unsicheren Bedingungen zu Stande kommen, lieferte ihr Glücksrad-Test: Probanden ermittelten eine Glücks-Zahl und wurden anschließend gefragt, wie viele afrikanische Staaten Mitglied der Uno seien. Das bemerkenswerte Ergebnis: Wer eine hohe Zahl gezogen hatte, tippt auch auf mehr Mitgliedstaaten.

Allerdings lässt sich durchaus ökonomisch-rational erklären, warum die Menschen solche "Anker-Strategien" nutzen, erläutert Smith: Wer schnelle Urteile treffen will, muss mit der knappen Ressource Aufmerksamkeit sparsam umgehen. Also hält man sich notfalls an Fingerzeige, die bisweilen nur scheinbar sinnvoll sind.

Auch Investoren an den Börsen verhalten sich oft so, folgen mentalen Faustregeln. Das macht plausibel, warum sich das Marktgeschehen so selten allein mit harten ökonomischen Daten und Fakten erklären lässt. Die plastischen, konkreten Informationen lassen sich nun einmal leichter verarbeiten als abstrakte. Andere Experten haben so den Internet-Hype erklärt.

Die Theoriebildung über systematische Abweichungen menschlicher Urteilsprozesse von streng-rationaler Logik zählt zum Grundfundus der Behavioral Economics, die das klassisch- ökonomische Rationalitätsmodell herausfordert. Auch in der Praxis arbeiten immer mehr Anlagestrategen mit behavioristischen Modellen. Eine wesentliche Errungenschaft der Behavioral Economics ist überdies, dass sie das Experiment als Methode ökonomischer Forschung neu belebte.

Wenn das Werk von Kahneman, Tversky und Smith einen Hinweis zur Lage der Weltwirtschaft geben kann, dann - mit einigem Optimismus - vielleicht diesen: Sehr wahrscheinlich zeichnet das akute Kursdrama an den Börsen ein Bild, das negativer ist, als es sich bei einer streng-rationalen Analyse der fundamentalen Fakten ergäbe.

Quelle: Handelsblatt

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