Entscheidend sind Inhalt und Technik der Befragung
Die Demoskopen kennen zwei Umfragesieger

Je näher der Wahltag kommt, desto lauter schlägt die Stunde der modernen Kassandras und Propheten: der Demoskopen. So sieht das "Orakel" vom Bodensee eine düstere Zukunft für Bundeskanzler Gerhard Schröder voraus.

gof/rks BERLIN. Glaubt man den Zahlen von Elisabeth Noelle-Neumann, dann ist das Rennen am 22. September längst gelaufen - zu Gunsten von Union und FDP. Die Seniorchefin des Instituts für Demoskopie Allensbach sieht ein "stabiles Meinungsklima", das auf einen Regierungswechsel hindeutet.

Nach den neuesten Allensbacher Erhebungen liegt die Union bei der berühmten "Sonntagsfrage" (Wie würden Sie wählen, wenn nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?) mit 39,1 % zwar knapp einen Prozentpunkt unter dem Wert der vorigen Woche, aber immer noch weit vor der SPD, die um 1,3 Punkte auf 34,2 % zugelegt hat. Auch die FDP sehen die Meinungsforscher vom Bodensee mit stabilen 11,6 % weit vor den Grünen mit 7 %.

Andere Institute wie etwa die Forschungsgruppe Wahlen, Emnid oder Forsa kommen auf ganz andere Zahlen. Zwar liegen diese stets ganz nahe beieinander - so schätzen sie allesamt die Union auf 39 %, die SPD auf 38 (Forsa, Forschungsgruppe Wahlen) oder 37 (Emnid). Doch besonders auffällig wirkt in der Öffentlichkeit jeweils die Differenz zwischen Allensbach und dem Mitbewerber Forsa.

Forsa-Leiter betont Unabhängigkeit

Das hat einen einfachen Grund, einen politischen: die jeweiligen parteipolitischen Präferenzen der beiden Institute und ihrer Chefs. Zwar wehrt sich Forsa-Leiter Manfred Güllner gegen die Einordnung als "roter Hausdemoskop" von Schröder und der SPD, betont vielmehr seine Unabhängigkeit und verweist dabei auf seine Umfrageaufträge aus CDU-Verbänden oder unionsregierten Ländern. Seine persönliche politische Anschauung, nein, die finde gewiss keinen Eingang in seine Arbeit, versichert Güllner.

Doch die Union verweist unverdrossen darauf, dass Forsa seit 1999 rund ein Drittel aller Aufträge des Bundespresseamtes und damit den größten Batzen erhält, während das Institut noch zu Kohls Zeiten keinen Pfennig erhalten habe. Alles aus Dankbarkeit?

In der schwarz-gelben Regierungszeit lag allerdings stets Allensbach mit einem Drittel Bundespresseamtaufträge vorne. Und Noelle-Neumann ist seit Jahrzehnten die Lieblingsdemoskopin des Altkanzlers. Sie sind schließlich miteinander befreundet. Und auch ihre Nachfolgerin Renate Köcher wird gleichfalls vor allem von konservativen Politikern geschätzt. Wahlkampfhilfe durch Meinungskampf?

"Wir nutzen den neusten Stand der Technik"

Die Institute widersprechen dem bösen Schein vehement. "Wir hatten auch im Wahlkampf 1998 stets die niedrigsten Werte für die CDU ermittelt. Da kann keiner sagen, wir wollten die Union aus Wahlkampfgründen besser darstellen", hält Edgar Piel von Allensbach fest. Und Forsa-Chef Güllner verweist mit Bedacht auf die Tatsache, dass seine Werte sich stets im Rahmen der anderen Umfragen bewegen - allein Allensbach schere aus der Reihe.

"Wir nutzen den neuesten Stand der Technik. Und die schließt Verzerrungen durch die Interviewsituation und die Wertung der Interviewer aus," meint Forsa-Demoskopin Brigitte Baumann. Der neueste Stand der Technik: so genannte Call-Center, von denen aus die Mitarbeiter Telefoninterviews an Hand streng standardisierten Fragen führen.

Das wiederum kann Allensbach nicht auf sich sitzen lassen. "Bei unseren persönlichen Mehrthemenbefragungen bekommen wie unendlich viel Randmaterial an die Hand, auf Grund dessen wir überprüfen können, welche parteilichen Präferenzen die Befragten tatsächlich haben." Außerdem, so Piel, haben die Telefonbefragungen große, offenkundige Nachteile: Viele an der Politik Desinteressierte machen da einfach nicht mit. Hängen auf. Das schränke die Umfragen in ihrer Repräsentativität ein und führe zu einer "Selbstselektion" der Befrager: Nur noch politisch Interessierte oder gar Experten würden an die Strippe genommen.

Beim letzten Mal, 1998, war Allensbach mit der letzten Umfrage vor der Wahl so genau wie sonst niemand. Diesmal wird sich erweisen, ob es die Methode ist oder ob die Allensbach-Kritiker Recht behalten. Die lästern, auch jede stillstehende Uhr zeige zweimal am Tag die richtige Uhrzeit an. Am 22. September werden die Wähler also auch darüber befinden, wer in diesem Konflikt die Wahrheit sagt.

Quelle: Handelsblatt

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