Entscheidung frühestens nach Briefwahl-Auszählung
Clintons Nachfolger noch immer nicht absehbar

Die Entscheidung über den nächsten US-Präsidenten ist auch gut eine Woche nach der Wahl nicht näher gerückt. Den Ausschlag dürften erst die Briefwahlstimmen geben, nachdem der Vorsprung des republikanischen Kandidaten George W. Bush nach den Zahlen vom Mittwoch auf 300 Stimmen vor seinem Mitbewerber Al Gore geschrumpft ist.

Reuters TALLAHASSEE. Bislang sollen gut 4000 Stimmzettel per Brief in Florida eingegangen sein. Sie werden ab Samstag gezählt. Außerdem ist eine neue Auszählung per Hand im Bezirk Palm Beach nicht ausgeschlossen. Diese könnte, wenn sie genehmigt würde, bis Montag dauern. Politiker schließen zudem einen weiteren Streit über das Wahlergebnis vor den Gerichten nicht aus.

Die Umschläge der Briefwahl müssen spätestens den Poststempel vom 7. November tragen und bis Freitag um Mitternacht (06.00 Uhr MEZ) eingetroffen sein. Nach Informationen der Zeitung "USA Today" sind in 65 der 67 Bezirke Floridas bislang 4039 Brief-Stimmzettel angekommen. Bei der Wahl 1996 waren es 2300.

Bei den vorangegangenen Wahlen hatte die Mehrzahl der Briefwähler in Florida - vor allem Soldaten und Beamte im Auslandseinsatz - für den Kandidaten der Republikaner gestimmt. Dennoch versprechen sich die Demokraten von der Briefwahl einen Vorteil. Sie hoffen auf die Stimmen der in Israel lebenden US-Bürger, die mit dem jüdischen Kandidaten der Demokraten für das Amt des Vizepräsidenten, Joseph Lieberman, sympathisieren. In Israel sollen 4000 Bürger Floridas leben.

Floridas Innenministerin Katherine Harris hatte die Frist zur Bestätigung der Abstimmungsergebnisse am Dienstagabend aufrechterhalten, den Befürwortern zusätzlicher Auszählungen per Hand aber eine Hintertür offen gelassen. Sie können bis Mittwoch 20.00 Uhr MEZ schriftlich begründen, warum sie eine weitere Auszählung für notwendig erachten. Danach werde sie endgültig darüber entscheiden, sagte Harris. Somit ist nicht ausgeschlossen, dass die Ergebnisse weiterer Handauszählungen später noch in das Wahlergebnis einfließen.

Zum Termin am Dienstag 23.00 Uhr MEZ gab Harris folgenden Stand bekannt: Bush 2 910 492 Stimmen, Gore 2 910 192. Der Sieger bekommt alle 25 Stimmen der Wahlmänner und-frauen Floridas, die die entscheidende Mehrheit von mindestens 270 Stimmen im Wahlkolleg bringen.

Die Demokraten hatten Harris vorgeworfen, sie habe als Anhängerin Bushs die neuen Auszählungen verhindern wollen, weil diese zu einem Sieg für Gore führen könnten. Ein Versuch der Demokraten, die Meldefrist für die Wahlergebnisse per Gerichtsentscheid zu verlängern, war abgelehnt worden. Im besonders umstrittenen Bezirk Palm Beach soll die Nachzählung der 460 000 Stimmzettel trotzdem stattfinden. Dort wurden möglicherweise tausende Stimmen als ungültig gewertet, weil Gore-Wähler auf dem angeblich verwirrenden Stimmzettel zunächst einen anderen Kandidaten markiert und dies dann korrigiert hätten. Ein Ergebnis der neuen Auszählung in Palm Beach würde wahrscheinlich erst am Montag vorliegen, und zwar nach Auszählung der Briefwahl-Stimmen.

In Floridas Bezirk Broward wurde die Entscheidung über eine Kontrollzählung noch für Mittwoch erwartet. In Volusia endete die manuelle Nachzählung am Dienstag mit 98 Extra-Stimmen für Gore. Die Wahlleitung des Bezirks Miami-Dade entschied sich am Dienstag gegen eine komplette Nachzählung, weil Stichproben in drei Stimmbezirken nur sechs Extra-Stimmen für Gore und keine Veränderung beim Bush-Resultat ergaben. Gore siegte in Miami-Dade mit 39 269 Stimmen Vorsprung.

Beide Wahlkampfmannschaften demonstrieren Entschlossenheit, im Streit um das Wahlergebnis nicht klein beizugeben. Der republikanische Präsidentschaftskandidat von 1996, Bob Dole, sagte im CNN-Fernsehen, im Ergebnis der Auszählungen in Florida werde Bush vorn liegen. Dies werde aber wohl nicht das Ende sein. Die Dinge würden sich wohl so entwickeln, wie es die Amerikaner nicht wollten, nämlich dass Rechtsanwälte und Gerichte sich der Sache annähmen. Der frühere republikanische Senator Alan Simpson äußerte seine Überzeugung, dass der Streit letztlich vor dem Obersten Gerichtshof entschieden werde.

In Washington forderten mehrere schwarze Abgeordnete Justizministerin Janet Reno auf, den Vorwürfen nachzugehen, schwarze Wähler und Angehörige anderer Minderheiten seien in Florida an der Ausübung ihres Wahlrechts behindert worden. Viele Schwarze gelten als potenzielle Wähler der Demokraten.

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