Entscheidung im zweiten Wahlgang
Olympische Spiele 2008 in Peking

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat Peking zum Austragungsort der Olympischen Spiele 2008 bestimmt und damit gleichzeitig der kommunistisch regierten Volksrepublik China das bedeutendste Sportfest der Welt überantwortet. Fehlende Sportanlagen, heißes Wetter und hohe Luftverschmutzung Sportler kritisieren IOC-Entscheidung

dpa MOSKAU. Mit einer historischen Entscheidung hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) am Freitag Peking zum Austragungsort der Olympischen Spiele 2008 bestimmt und damit gleichzeitig der kommunistisch regierten Volksrepublik China das bedeutendste Sportfest der Welt überantwortet. Der hohe Favorit setzte sich bei der 112. IOC-Vollversammlung in Moskau bereits im zweiten Wahlgang mit der absoluten Mehrheit von 56 Stimmen gegen Toronto (22), Paris (18) und Istanbul (9) durch. Im ersten Durchgang, in dem Osaka ausgeschieden war, hatte Peking mit 44 Stimmen die absolute Mehrheit knapp verfehlt.

Punkt 16.09 Uhr verkündete IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch den Sieg der chinesischen Hauptstadt. Es war auch ein Erfolg für die Peking-Befürworter Samaranch zum Abschluss seiner Präsidentschaft nach 21 Jahren. Bei der zentralen Feier am Pekinger Millenium- Monument dankte Staats- und Parteichef Jiang Zemin allen "Freunden Chinas in der Welt". Er forderte das chinesische Volk auf, "Anstrengungen zu unternehmen, um die Olympischen Spiele 2008 erfolgreich werden zu lassen."

Ein Fünftel der Weltbevölkerung

Als "sehr positive Entscheidung" bezeichnete IOC-Vizepräsident Thomas Bach die Wahl, "weil ein Fünftel der Weltbevölkerung, 1,3 Milliarden Chinesen, noch näher an Olympia herangeführt werden". Das sei für die universelle Bedeutung der Spiele sehr wichtig. "Es ist gleichzeitig eine Herausforderung für das IOC, denn die Befürworter haben ihre Stimme auch in der Erwartung abgegeben, dass sich in China weiterer liberalisierender Wandel vollzieht", sagte der Tauberbischofsheimer Rechtsanwalt.

Für den Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), IOC-Mitglied Walther Tröger, war es überraschend, dass unter drei starken Konkurrenten Peking bereits im zweiten Durchgang gewonnen hat. "Ich glaube, dass es ein politisches Votum war", meinte Tröger. Deutschlands drittes IOC-Mitglied, Ex-Ruder-Weltmeister Roland Baar, hätte sich "schon ein anderes Ergebnis gewünscht". Die Spiele in Peking hätten ein gewisses Risiko. Bereits unmittelbar nach der Verkündung des Peking-Sieges verlangten verschiedene Organisationen ein "deutliche Verbesserung der Menschenrechtssituation" in China.

Peking holte nach der Zwei-Stimmen-Niederlage 1993 gegen Sydney damit im zweiten Anlauf zum dritten Mal nach Tokio 1964 und Seoul 1988 Sommerspiele nach Asien. Unmittelbar danach unterzeichneten Samaranch und Pekings Bürgermeister Lin Qi den Ausrichtervertrag, der für Peking 1,2 Milliarden Dollar (2,73 Milliarden Mark/1,39 Milliarden Euro) als Anteil aus den Vermarktungsrechten des IOC wert ist. Lin Qi versprach im staatlichen Fernsehen, die Spiele 2008 zu den "besten Spielen in der olympische Geschichte" zu machen.

Mit dem Erfolg der chinesischen Hauptstadt ist auch die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass sich das deutsche NOK um die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2012 bewirbt. Eine entsprechende Entscheidung wird von der NOK-Mitgliederversammlung am 3. November in Hamburg erwartet, nachdem die Spiele in sieben Jahren nicht nach Europa vergeben worden sind. Düsseldorf, Frankfurt/Main, Leipzig und Stuttgart stehen bereits in den Startlöchern für das nationale Ausscheidungsrennen. Bach meinte, dass eine deutsche Bewerbung, "die gut vorgetragen wird und eine breite Unterstützung in der Bevölkerung genießt, durchaus gute Chancen" habe.

Die IOC-Mitglieder entschieden sich trotz der bis zuletzt anhaltenden Proteste der Europäischen Union und von Menschenrechtsorganisationen für die chinesische 12-Millionen- Metropole. Diese höchst politische Entscheidung wurde durch das Urteil der IOC-Prüfungskommission erleichtert, die Peking die Organisation "exzellenter Spiele" zutraut. In acht Fragen von IOC - Mitgliedern bei der 45-minütigen Präsentation am Mittag wurden die Chinesen nicht mit der Menschenrechtsproblematik konfrontiert.

Sportstiftung für unterentwickelte Länder

Vor dem IOC versprach Vizepräsident Li Lanqing eine "Sportstiftung für unterentwickelte Länder". Zugleich kündigte das Pekinger Organisationskomitee an, dass der olympische Fackellauf 2008 auch durch das seit 1950 von China besetzte Tibet führen soll. Exil- Tibetaner hatten an der Spitze der Proteste gegen Olympia in Peking gestanden. Bei dieser letzten Werbekampagne vor der Abstimmung waren Paris mit Frankreichs Premierminister Lionel Jospin und Toronto mit Kanadas Regierungschef Jean Chretien vertreten. Beide Städte hatten von den IOC-Prüfern wie Peking die Note «exzellent» erhalten. Paris muss nun ebenso weiter auf die dritten Spiele nach 1900 und 1924 wie Kanada auf die zweiten Sommerspiele nach 1976 in Montreal warten. Chancenlos waren Istanbul und Osaka mit mangelhaften Noten.

Die Wahl Pekings dürfte auch eine gewisse Vorentscheidung für die Wahl des IOC-Präsidenten am Montag sein. Da kaum zu erwarten ist, dass das IOC nun auch sein höchstes Amt nach Asien gibt, dürften die Chancen des Südkoreaners Un Yong Kim stark gesunken sein. Neben ihm bewerben sich noch der Belgier Jacques Rogge, der Kanadier Richard Pound, die Amerikanerin Anita Defrantz und der Ungar Pal Schmitt um die Nachfolge von Samaranch.

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