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Entscheidung über Kanzlerkandidaten der Union

Der Begriff "Kandidatenkür" steht bei den Unionsparteien mittlerweile auf dem Index. Führungsmitglieder der CDU und der CSU zucken vor entsprechenden Fragen zurück. Bisweilen werden auch Kraftausdrücke benutzt: "Maul halten" - gab der Chef der bayerischen Staatskanzlei Erwin Huber als Devise aus.

dpa BERLIN. Als wahrscheinlichster Termin gilt jetzt der Januar des kommenden Jahres. Vielleicht klären CDU-Chefin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber aber auch schon im Dezember die Frage, wer von ihnen als Herausforderer von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) antritt.

Seit Monaten wabert über der Union die Kandidatenfrage. Stoiber hat sich auf dem CSU-Parteitag am vergangenen Wochenende nicht nur durch sein imposantes Wahlergebnis bei seiner Wiederwahl zum CSU-Vorsitzenden erneut deutlich in Position gebracht. Auch Angela Merkel machte in den letzten Tagen immer unmissverständlicher klar, dass sie nicht bereit ist, schon jetzt die Waffen zu strecken. Vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus an diesem Sonntag wollte sie eigentlich Ruhe in die Diskussion bringen. Dies gelang nicht.

Einigen Beobachachtern des CSU-Konvents war aufgefallen, wie gelangweilt angeblich Mitglieder der christlich-sozialen Führungsspitze in Zeitungen und Broschüren blätterten, als Merkel zu den Delegierten sprach. Das sei kein Indiz für nichts, sagte CSU - Landesgruppenchef Michael Glos und wies darauf hin, wie viele der rund 1000 Männer und Frauen im Plenum nach der Rede stehend applaudiert hätten.

Die ständigen Diskussionen in den eigenen Reihen, das Drängeln und die Querelen in der Union gehen Merkel sichtbar auf die Nerven. CDU/CSU-Fraktionschef Friedrich Merz rief am Dienstag vor versammelter Mannschaft zum wiederholten Male zu auf, Solidarität mit Merkel wie mit Stoiber zu üben. Die CDU-Spitze sucht noch immer nach dem Konzept, das den CSU-Vize und früheren Gesundheitsminister Horst Seehofer bewogen haben könnte, sich erneut öffentlich und zur Unzeit für Stoiber stark zu machen.

Merkel kann das nicht nachvollziehen. Viele Unionsabgeordnete haben Angst, dass mit Merkel als Kanzlerkandidatin ein schlechteres Bundestagwahlergebnis erzielt werden könnte als mit Stoiber. Damit wären Mandate futsch, das "süße Politikerleben" im Zentrum der Macht in Berlin beendet.

Merkel folgt ihrer eigenen Seelenlage: "In der Ruhe liegt die Kraft" - so einer ihrer Lieblingserklärungen auf bohrende Fragen, was sie der "ruhigen Hand" des Kanzlers entgegen zu setzen habe. Der Kandidatenfrage wird sich die vor zwei Jahren gewählte CDU-Obere am kommenden Montag, nach der Berlin-Wahl, erneut stellen müssen. Befürchtet wird in den Reihen der Union ein mittlerer Einbruch. Vorsorglich wiesen am Dienstag Hessen CDU-Ministerpräsident Roland Koch und CSU-Generalsekretär Thomas Goppel schon einmal darauf hin, dass Stimmenverluste der CDU nicht deren Vorsitzender in die Schuhe geschoben werden dürften.

Am Drehbuch für das Stück "Ablösung Schröders und der rot-grünen Koalition" schrieben zu viele Autoren, beklagen Berater und Referenten der CDU-Spitzenleute. Sie fügen hinzu: Aus einem schlechten Drehbuch werde selten ein guter Film. Für die Union geht es zunächst einmal um die Besetzung der Hauptrolle. Stoiber, so meinen viele, habe dabei die besseren Karten. Die CDU ist aber auch fest entschlossen, ihre Vorsitzende nicht demontierten zu lassen. Sie hat sich in einer vermuteten Bedrohungssituation enger um Angela Merkel geschart.

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