Entscheidungskampf um die Vorherrschaft beim Zeitungsriesen: Analyse: Friede Springers große Chance

Entscheidungskampf um die Vorherrschaft beim Zeitungsriesen
Analyse: Friede Springers große Chance

"Herr Kirch, Sie sind ein Verlierer". Die Überschrift der Bild-Zeitung nach der Hauptversammlung des Springer Verlags im Jahr 1989 lässt an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig. Auch wenn das Springer-Boulevardblatt nur einen Aktionärssprecher zitiert, ist die Wortwahl doch symbolisch für den ewigen, teils verdeckt, teils offen ausgetragenen Kampf zwischen Friede Springer und ihrem ungeliebten Großaktionär Leo Kirch, der sich die Eintragung seiner Stimmrechte sogar vor Gericht erstreiten musste.

Diese Fehde könnte jetzt zu Gunsten von Friede Springer entschieden werden. Erstmals seit dem Einstieg von Kirch in den 80er-Jahren hat die Verlagserbin die Möglichkeit, sich das 40 %ige Aktienpaket des Münchener Filmhändlers am Springer-Verlag einzuverleiben. Nicht zuletzt, weil pikanterweise gerade Springer durch die Ausübung einer Verkaufsoption Kirch in eine Situation gebracht hat, die er kaum noch kontrollieren kann. Der Verkauf von Beteiligungen zum Schuldenabbau wird kaum zu umgehen sein - hofft nun auch Friede

Eine vollständige Übernahme des Aktienpakets dürfte für die Erbin aber nicht zu finanzieren sein. Offiziell teilt Frau Springer nur mit, sie wolle höchstens ein paar Prozent dazukaufen. Sie kontrolliert bereits 50 Prozent des Verlags. Doch der Rest der Aktien könnte an der Börse platziert und für Akquisitionen genutzt werden. Das würde den Springer-Konzern auch an den Medienmärkten endlich wieder aus der Defensive herausführen.

Friede Springer hat starke Verbündete: Kirchs Aktienpaket wurde vor Jahren an die Deutsche Bank verpfändet. Das Kreditinstitut dürfte Friede Springers Pläne kaum durchkreuzen. Im Gegenteil. Da es sich um vinkulierte Namensaktien handelt, sind die Papiere im Zweifel nur schwer zu verwerten. Die Erbin Springer hat immer ein Mitspracherecht bei einem Verkauf. Und die Platzierung der Aktien am Kapitalmarkt verspräche satte Profite, sollte die Bank den Zuschlag bekommen.

Für die Kapitalmarktvariante spricht auch, dass Friede Springer nach den Erfahrungen mit Kirch kaum noch einmal einen Medienunternehmer als Miteigentümer dulden wird. Weder der amerikanisch-australische Medienmogul Rupert Murdoch noch die Essener WAZ-Gruppe, die deutliches Interesse signalisiert hat, werden wohl zum Zuge kommen. Denn beide Medienhäuser dürften alles versuchen, erheblichen Einfluss auf die Geschicke des Springer-Konzerns zu nehmen. Und das kennt Friede Springer nun.

Für die WAZ-Gruppe ist ein Engagement bei Springer ohnehin schwierig. Um bei dem Berliner Verlagshaus überhaupt unternehmerischen Einfluss geltend machen zu können, müssten sich die Essener mindestens eine Sperrminorität sichern. Die wäre ohne kartellrechtliche Zugeständnisse aber kaum zu erreichen. Speziell auf dem Regionalzeitungsmarkt im Rhein-Ruhr-Gebiet gibt es Überschneidungen mit der Bild-Zeitung.

Doch auch Friede Springer wird im Zweifelsfall kaum daran vorbei kommen, alte Gewohnheiten abzulegen. Will sie wirklich diese einmalige Gelegenheit beim Schopf packen, wird sie sich wohl von ihren vinkulierten Namensaktien - bei der jedesmal die Eigentumsübertragung vom Unternehmen abgesegnet werden muss - verabschieden müssen. Dieser Schutz vor Übernahmen aus Großvaters Zeiten macht die Aktie heute schon ziemlich uninteressant. Sollte die Aktie für Investoren interessant gemacht werden, wäre die Vinkulierung nur störend.

Doch noch kann sich Friede Springer nicht sicher fühlen. Gerade bei Leo Kirch war es noch nie sinnvoll, die Rechnung ohne den Wirt zu machen. Aus allen Krisen kam er bislang noch einmal mit einem blauen Auge davon. Vielleicht wird Kirch es auch diesmal schaffen, sich herauszuwinden, ohne sein Tafelsilber zu verkaufen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%