Enttäuschender Ausblick macht Akzo-Aktionäre nervös: Schwaches Pharmageschäft belastet Chemiebilanzen

Enttäuschender Ausblick macht Akzo-Aktionäre nervös
Schwaches Pharmageschäft belastet Chemiebilanzen

Nach Bayer und der Darmstädter Merck KG gerät nun mit der Akzo-Gruppe ein weiterer Chemiekonzern im Pharmageschäft unter Druck. Weil sein bisheriger Bestseller den Patentschutz verliert, rechnet der niederländische Konzern mit einem deutlichen Gewinnrückgang. Der Druck in Richtung Strategiewechsel nimmt zu.

FRANKFURT/M. Chemiekonzerne kämpfen zusehends mit Schwierigkeiten im Pharmageschäft. Diesen Trend untermauerte gestern der niederländische Konzern Akzo mit schwachen Zahlen für das 4. Quartal und einem negativen Ausblick für das laufende Jahr.

Akzo folgt damit dem Beispiel der deutschen Konzerne Bayer und Merck KGaA, die beide schon im vergangenen Jahr starke Einbußen in ihren Pharmasparten verbuchten. Zwar deutet sich derzeit bei keinem dieser Unternehmen ein schneller Strategiewechsel an. Doch dürfte sich damit der Druck auf die wenigen verbliebenen Chemie-Pharma-Konglomerate weiter verstärken, ihre Struktur zu überdenken. Analysten favorisieren schon seit Jahren eine Trennung von Chemie und Arzneimittelsparten, was die Mehrzahl der europäischen Konzerne inzwischen auch umgesetzt hat. "Integrierte Chemiekonzerne haben Probleme mit der notwendigen Größe im Pharmageschäft und tun sich schwer, ihr Produktportfolio vernünftig zu managen", sagte Andreas Theisen von WestLB Panmure. Akzo, Bayer und Merck gehören zu den wenigen Konzernen, die trotz solcher Bedenken am klassischen Modell festhalten.

Akzo gab gestern für das 4. Quartal einen Gewinnrückgang um 21 % bekannt. Für 2003 kündigte das Management des Chemiekonzerns einen weiteren deutlichen Ertragsrückgang an. Die Aktie des Chemiekonzerns gab daraufhin um fast 10 % nach, konnte sich aber bis zum Abend erholen und lag am Abend etwa 4 % im Minus bei 20,74 Euro. Neben höheren Pensionsrückstellungen und negativen Währungseffekten bereitet Akzo vor allem das Pharmageschäft Schwierigkeiten. In den vergangenen Jahren stets eine Stärke des Konzerns, muss diese Sparte mit Nachahmer-Konkurrenz für ihr bisheriges Spitzenprodukt Remeron rechnen. Das Medikament gegen Depressionen verbuchte im vergangenen Jahr noch ein Umsatzplus von 14 % und hat mit gut 700 Mill. Euro mehr als ein Viertel zum Umsatz der Pharmatochter Organon beigetragen. Ein US-Gericht hat im Dezember jedoch den Weg für Generikaanbieter geebnet. Gleichzeitig hat sich bei mehreren Neuentwicklungen die Zulassung verzögert. Und das zusammen mit Sanofi-Synthelabo entwickelte Medikament Arixtra (gegen Thrombosen) konnte die hochgesteckten Erwartungen bisher nicht erfüllen.

Akzo steht damit vor einer ähnlichen Entwicklung wie der Darmstädter Merck-Konzern, der schon in den ersten neun Monaten 2002 im Pharmageschäft Umsatzrückgänge und einen deutlichen Ertragseinbruch verzeichnete. Grund ist hier vor allem der Patentablauf beim Diabetes-Medikament Glucophage vor gut einem Jahr. Auch Merck besitzt derzeit nicht genügend Neuentwicklungen, um den Ausfall zu kompensieren. Bei Bayer hat vor allem der Ausfall von Lipobay das Pharmageschäft ins Wanken gebracht. Das Medikament gegen zu hohe Blutfettwerte musste vor eineinhalb Jahren auf Grund schwer wiegender Nebenwirkungen vom Markt genommen werden und hat damit eine gewaltige Lücke in der Pharmasparte hinterlassen. In den ersten neun Monaten sank der Pharmaumsatz von Bayer um 15 % und der operative Gewinn um ein Viertel. Ähnlich wie Akzo reagiert auch Bayer mit einem einschneidenden Personalabbau. Bayer hatte bereits 2002 den Abbau von zusätzlichen Stellen im Chemie und Pharmabereich vereinbart. Für die bertroffenen 5 500 Mitarbeiter in Deutschland wurde gestern eine Betriebsvereinbarung unterzeichnet.

Die Probleme der Chemiekonzerne beruhen zwar jeweils auf ganz spezifischen Produktproblemen, wie sie auch bei reinrassigen Pharmafirmen auftreten. Dennoch bestätigt die nahezu parallele Entwicklung indirekt Kritiker der klassischen Konglomerate. Sowohl Bayer als auch Merck und Akzo fallen im Pharmasektor deutlich zurück.

Die Mehrzahl der europäischen Chemiekonzerne hat dagegen bereits in den 90er Jahren auf veränderte Anforderungen im Pharmageschäft reagiert und Chemie und Pharma getrennt. Wegweisend war die Aufspaltung der britischen ICI. Später folgten die Fusionspartner Ciba/Sandoz (heute Novartis) sowie Hoechst/Rhone-Poulenc (Aventis) mit dem Rückzug aus der Chemie. Umgekehrt verkauften die US-Konzerne Dow und Dupont ihre erfolglosen Pharmasparten. Die BASF hat sich vor gut zwei Jahren von ihrem Arzneimittelgeschäft getrennt. Eine erfolgreiche Kombination von Chemie- und Pharma praktiziert dagegen die Altana-Gruppe, bei der allerdings die Pharmasparte inzwischen klar dominiert. Auch die belgische Solvay schlägt sich im Pharmageschäft wacker.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%