Enttäuschung über M-Commerce war absehbar
Auch im Internet kommt es auf die Kunden an

Die New Economy erzeugt ihre eigenen Zyklen. Schon zum dritten Mal folgt nach grenzenloser Euphorie über eine neue kommerzielle Anwendung schon ein Jahr später abgrundtiefe Enttäuschung.

Erst war es der Einzelhandel über das Internet, dann Business to Business, Transaktionen zwischen Unternehmen per Internet, und aktuell ist es M-Commerce, der Verkauf von Waren und Dienstleistungen über Mobiltelefone. Doch nicht etwa die Ideen an sich sind unbrauchbar. Es ist die Art, wie sie zum Laufen gebracht werden sollen. Die Muster sind immer identisch:

Phase 1: Jungunternehmer entwickeln neue Anwendungen und erschließen damit ein Marktsegment, in dem die Nutzung des Internets die Wirtschaft verändern könnte.

Phase 2: Wagniskapitalgeber und Investment-Banker entdecken die Idee und heizen den Trend mit Kapital an in der Hoffnung, ihre Unternehmensbeteiligungen schnell mit Riesengewinnen wieder abstoßen zu können.

Phase 3: Marktforscher prophezeien Milliardenpotenziale, Wirtschaftsmagazine produzieren Titelgeschichten und Unternehmensberater drängen ihre Kunden aus der etablierten Industrie, in den Trend zu investieren. Der Höhepunkt der Euphorie ist erreicht.

Phase 4: Es stellt sich heraus, dass die kurzfristige Resonanz bei den Kunden enttäuschend ist und auf Sicht keine Gewinne zu erwarten sind.

Phase 5: Die Investoren wenden sich enttäuscht ab, die Unternehmen kämpfen ums Überleben, Marktforscher und Unternehmensberater suchen nach dem nächsten Trend. Am Ende wird eine Branche für tot erklärt, die nie eine echte Chance hatte, die völlig übertriebenen Erwartungen zu erfüllen.

Das Gleiche droht jetzt den M-Commerce-Anbietern. Als die Interneteuphorie mit ihren grotesken Übertreibungen im März 2000 in einen einjährigen Börsencrash mündete, kam das neue Zugpferd M-Commerce wie gerufen: B2C ist tot, B2B riecht auch schon etwas streng, jetzt ist M-Commerce der neue Trend.

Märkte brauchen Produkte und Kunden

Die M-Commerce-Gründungen wurden mit Kapital zugeschüttet (Phase 2), Visionen gigantischer Marktpotenziale verleiteten Telekomkonzerne zu Milliardenausgaben für neue, internetfähige Mobilfunknetze (Phase 3) - und jetzt läuft Phase 4, die Ernüchterung: Als Erstes haben die Internet-Buchhändler - echte Web-Pioniere - festgestellt, dass kaum jemand per Handy bestellt, weil der Zusatznutzen nicht ersichtlich ist. Das dürfte auch für andere Produkte gelten, die physisch ausgeliefert werden müssen. Ähnlich wie beim Einkauf per PC werden vor allem digitalisierte Waren wie Musik nachgefragt. Aktuelle Marktuntersuchungen zeigen, dass das Interesse der Handy-Nutzer an M-Commerce seit Mitte 2000 regelrecht eingebrochen ist - das Missverhältnis zwischen Aufwand und erzieltem Zusatznutzen ist offenbar zu krass.

Noch steht Phase 5 bevor. Der fluchtartige Ausstieg der einstigen Gönner. Doch vielleicht haben sie diesmal aus der Vergangenheit gelernt und halten länger durch. Um einen neuen Markt zu schaffen, braucht man nicht nur Visionen, sondern auch Produkte und Kunden - und Durchhaltevermögen. Der Megaerfolg "i-mode" in Japan zeigt, dass es geht, wenn man sich ausschließlich an den Bedürfnissen der (verspielten) Kundschaft orientiert. Und dann sprudeln auch, wie bei NTT Docomo, die Rekordgewinne.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%