Entwicklungsaufgaben gehen nach Asien
Siemens entdeckt Indien neu

Die Münchener Siemens AG hat Indien in ihrer Konzernstrategie aufgewertet und denkt dem Land nicht nur als Absatzmarkt eine größere Rolle zu, sondern auch als Ressource. "Indien wird künftig bei Forschung und Entwicklung, Produktion und Beschaffung eine deutlich größere Rolle für das gesamte Unternehmen spielen", sagt Jürgen Schubert, Managing Director der indischen Tochtergesellschaft.

Wie viele andere internationale Konzerne will Siemens den Standort stärker für Softwareentwicklung und zur Auslagerung von IT-Dienstleistungen nutzen, sowohl konzernintern als auch für Kunden außerhalb des Hauses. Der Trend zur Verlagerung von Entwicklungsaufgaben geht aber auch bei den Münchnern längst über Software hinaus. So entwirft etwa die Tochter Siemens Power Engineering in einem Vorort Neu Delhis Kraftwerke für den Weltmarkt. 150 der 180 Angestellten sind Ingenieure. Insgesamt sind in Indien bereits mehr als 2000 Angestellte aller Sparten im Entwicklungsbereich tätig, Tendenz steigend.

Schubert zufolge ist in München die Entscheidung gefallen, Indien und China strategisch auf eine Ebene zu stellen. Noch fehle hier aber der große, dynamische Binnenmarkt. Um seine Fabriken vor Ort voll auszulasten, will Siemens künftig stärker aus Indien exportieren, zum Beispiel Hochspannungsnetze oder elektromechanische Komponenten.

Auch wenn Indien als Absatzmarkt hinter China rangiert, erwartet der Konzern angesichts anziehender Konjunktur und Aufholbedarf bei Infrastruktur überdurchschnittliches Wachstum. Große Hoffnungen setzt Schubert auf die Autozuliefersparte, den Telekombereich sowie auf Medizin-, Verkehrs- und Gebäudetechnik. Dem Handy-Geschäft sagt er explosives Wachstum voraus. Die Branche boomt, jeden Monat kommen 1,5 Millionen neue Kunden hinzu. Allerdings sind Siemens- Handys wie anderswo in Asien unter Druck durch Samsung und LG aus Südkorea, chinesische Billiganbieter wie Bird und etablierte Riesen wie Nokia und Motorola. Den Durchbruch sollen eine gerade gestartete Marketingoffensive und der schnelle Aufbau von 5000 Handy-Läden im ganzen Land bringen.

Als Meilenstein im Infrastrukturbereich wertet Schubert den gerade erfolgten Zuschlag für den Neubau des Flughafens in Bangalore an ein von Siemens geführtes Konsortium. Allerdings will sich der Konzern nicht allein auf Großprojekte verlassen, deren Vollendung in dem Land notorisch unsicher ist. Und solange der Beleg für eine konsequente Umsetzung der angekündigten Wirtschaftsreformen fehlt, warnt der Länderchef vor Indien-Euphorie.

Insgesamt macht die Siemens AG in Indien 750 Mill. Euro Umsatz im Jahr. Ein Drittel entfällt auf die lokale Tochter Siemens Ltd. Sie ist in die Gewinnzone zurückgekehrt, nachdem sie nach Fehlinvestitionen und hohen Verlusten Ende der 90er Jahre die Hälfte ihrer Mitarbeiter entlassen musste. Im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr stieg der Umsatz um 10 % auf 14,2 Mrd. Rupien (269 Mill. Euro), der Nettogewinn wuchs um 61 % auf 1,4 Mrd. Rupien. Siemens hält 55 % an seiner Indien- Tochter, der Rest ist an Bombays Börse notiert und in Streubesitz.

Handelsblatt Nr. 227 vom 25.11.03 Seite 12

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