Entwicklungshelfer und Industrie planen Qualitätsstandard
Kaffeepreise treiben Millionen Bauern in den Ruin

Der ugandische Bauer Peter Kafuluzi versteht die Wirtschaft nicht mehr. Damit sich die Kaffeeproduktion für seine Familie rechnet, müsste er 34 Cents pro Kilo Rohkaffee verdienen, hat er errechnet. Zuletzt bekamt er aber für die Kaffeekirschen "Kiboko" nur 6 bis 7 Cents. "Wir sind ruiniert, können keinen Fisch kaufen und unsere Kinder nicht mehr zur Schule schicken", klagt der Kaffeebauer aus den Bergen westlich des Viktoriasees.

DÜSSELDORF. Ursache für die Misere sind die niedrigen Weltmarktpreise. Ein Überangebot an Kaffee, dazu der Einstieg neuer Massenproduzenten ins Geschäft und ein deregulierter Markt haben den Rohkaffeepreis in den vergangenen 30 Jahren um fast 50 % auf den tiefsten Stand seit 30 Jahren fallen lassen. Nicht-Regierungsorganisationen (NRO) und der internationale Verband der Kaffeeproduzenten drängen daher auf Gemeinschafts-Aktionen wie Qualitätsstandards, um bessere Preise für die Bauern zu erzielen. Industrie und das Entwicklungshilfeministerium (BMZ) wollen noch in diesem Jahr eine Initiative zur Qualitätssicherung vorstellen.

Denn die Qualität wird unter dem enormen Preisdruck immer schlechter. Der Weltmarktführer Brasilien expandiert weiter, die Kaffeebauern setzen ihre Pflanzen immer dichter. Sie holen dreimal so viel aus ihren Feldern heraus wie ihre Kollegen in Afrika oder Mittelamerika. In zahlreichen Ländern wird aus Kostengründen nicht mehr vier mal pro Jahr geerntet, wie eigentlich nötig, sondern einmal. Die Folge: Neben den roten reifen Kaffeekirschen werden auch grüne unreife Kirschen geerntet - zum Nachteil der Qualität.

In den vergangenen zehn Jahren avancierte Vietnam zum zweitgrößten Kaffeeproduzenten auf der Welt. Das Erfolgsrezept: Hohe Produktivität und Anbau der unempfindlichen Sorte "Robusta". Die Anbaugebiete sind nicht so steil wie in anderen Ländern und können deshalb besser mit Maschinen bewirtschaftet werden.

Aber selbst die vietnamesischen Kaffeebauern leiden unter der derzeitigen Krise. Einer Studie der NRO Oxfam zufolge ist in nahezu allen kaffeeproduzierenden Ländern "die Lebensgrundlage von mehr als 25 Millionen Kaffeeproduzentinnen auf der ganzen Welt" bedroht. In die Kritik geraten die großen Konzerne Nestlé, Kraft Foods, Procter & Gamble und Sara Lee, die alleine 50 % der Jahresernte weltweit aufkaufen.

Beispiel Uganda: Auch Kaffeeschälereien müssen schließen, weil die Bauern die roten Kirschen lieber horten, als auch noch für die Weiterverarbeitung zu zahlen. Schulen klagen über Schülermangel, weil den Kaffeebauern das Schulgeld ausgeht. In dem ostafrikanischen Binnenstaat hängt nach Berechnung der Weltbank immerhin fast jeder zweite Arbeitsplatz vom Kaffee ab. In Äthiopien sind es noch mehr. Den meisten Afrikanern bleibt nur der Anbau für die Selbstversorgung.

In den Andenstaaten locken da gefährlichere Früchte. So gedeiht in Kolumbien und Peru genau dort, wo bisher Kaffeebüsche blühen, auch die Koko-Pflanze bestens, der Rohstoff für Kokain.

In Mittelamerika denken viele Kaffeepflanzer ans Auswandern. Nach Schätzung der Weltbank haben hier bereits 400 000 Kaffee-Saisonarbeiter und 200 000 Festangestellte Plantagenarbeiter ihren Job verloren. Guatemalas Bauern werden als Billigarbeiter für die Erntezeit nach Mexiko gekarrt. Mexikos Kaffeearbeiter wiederum versuchen ihr Glück in den USA. Sechs Elendsflüchlinge aus Veracruz wurden kürzlich tot in der Wüste von Arizona gefunden.

Oxfam schlägt Alarm: Sie fordert Qualitätsstandards für den Kaffee und einen Aufkauf minderwertigen Kaffees aus den Lagerbeständen der Kaffeeproduzenten. Für Kraft Foods, neben Nestlé, Procter & Gamble und Sara Lee, einer der weltweit vier großen Kaffeeröster und-vertreiber, wäre das ein falsches Signal an den Markt. Vielmehr bemüht sich Kraft Foods mit anderen deutschen Röstern und dem Bundesministerium für Zusammenarbeit und Entwicklung eine Initiative zu entwickeln, um Qualitätsstandards für den Kaffeeanbau einzuführen. "Schon in den nächsten Monaten werden wir genaueres vorstellen", kündigt ein Sprecher von Kraft Foods an. Eine Konsolidierung auf dem Markt könne dadurch zwar nicht ausgeschlossen aber abgemildert werden, so der Sprecher.

Dass Qualitätsstandards eine Lösung für die Bauern sein können, zeigt das Beispiel Peru. Der Andenstaat setzt auf qualitativ hochwertige und teure "Spezialitäten". Dadurch konnte Peru im vergangenen Jahr einen Erlös erwirtschaften, der 12 Mill. $ über dem Weltmarktpreis für herkömmlichen Kaffee liegt.

Jamaika konnte seinen "Blue Mountain-Kaffee" und Indien seinen "Monsooned Malabar" auf den Markt bringen, beides beliebte Kaffeespezialitäten, die den Bauern höhere Erlöse bringen. Für alle Länder ist der Einstieg in den Nischenmarkt "Spezialitäten" aber keine Lösung: Dann würden auch hier die Preise fallen und die Erlöse unter die Produktionskosten drücken.

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