Entwicklungsländer fordern einen besseren Marktzugang
Afrika will Geld statt Absichtserklärungen

Livingstone Lonake ist ein Veteran unter den schwarzen Kleinbauern am Kap. Der alte Mann betreibt seit fast 40 Jahren in den Townships von Kapstadt einen kleinen Stand, an dem er Obst und Gemüse aus eigener Produktion verkauft. Lonake weiß wenig von den Feinheiten des internationalen Handels. Aber er kennt die Regeln der Marktwirtschaft.

JOHANNESBURG. Jeden Morgen erntet er auf dem Feld hinter seiner Hütte ein paar Tomaten, Äpfel oder Zwiebeln und verkauft sie an der nahgelegenen Bahnstation. Der Gewinn ist bescheiden: Lonake verdient nur ein paar Rand am Tag. Die Konkurrenz ist hart und der Markt bestimmt das Geschäft. "Manchmal sind Tomaten rar, dann verkaufe ich sie etwas teurer. An anderen Tagen haben alle Händler Kartoffeln und der Preis fällt". Farmer mögen keine scharfen Preissprünge, weil sie die Vorausplanung erschweren. Dennoch haben viele von ihnen in der Dritten Welt keine Wahl: Wie Lonake müssen sie zu dem Preis verkaufen, den der Markt diktiert.

Landwirte in Europa und den USA haben es ungleich besser. Sie werden vom Staat oft stark subventioniert. Erst vor drei Monaten unterschrieb US-Präsident Bush ein Gesetz, das Amerikas Farmern in den nächsten zehn Jahren mit 190 Mrd. $ unter die Arme greift und damit fast an das absurde Subventionsniveau in Europa heranreicht.

Die hohen Agrarsubventionen und Einfuhrzölle des Westens haben die Entwicklungsländer in der Vergangenheit immer wieder zu der Klage veranlasst, der von den reichen Ländern geforderte Freihandel sei pure Heuchelei.

In Johannesburg dürfte ein verbesserter Marktzugang ganz oben auf dem Forderungskatalog der afrikanischen Länder stehen. Denn anders als beim ersten Erdgipfel vor zehn Jahren in Rio, wo der Fokus überwiegend auf Umweltfragen lag, steht diesmal eine gerechtere Entwicklung im Vordergrund. "Die Armen dieser Welt rücken zunehmend in den Mittelpunkt der Globalisierungsdebatte", sagt der Volkswirt Dani Rodrik von der Harvard-Universität.

Entsprechend hoch sind die Erwartungen der Entwicklungsländer und der südafrikanischen Gastgeber an den Gipfel. Von einer schnelleren Entschuldung bis zur Aidsbekämpfung reicht die von ihnen eingebrachte Themenpalette. "Wir wollen einen konkreten globalen Pakt verabschieden, ein neues Aktionsprogramm für Entwicklung", sagt Moss Mashishi, Chef des Veranstalters Johannesburg World Summit Company. Ganz obenan stehe für Afrika jedoch die Frage des Marktzugangs in den reichen Ländern. Deutlich wird die Bedeutung dieser Frage schon daran, dass der Agrarsektor in den meisten afrikanischen Ländern oft mehr als 50 % zum Sozialprodukt (BIP) beiträgt. In den Industrieländern liegt sein Anteil am BIP hingegen im Schnitt bei nur 3 %.

Die Weltbank hat errechnet, dass die Kosten, die die westlichen Handelsbarrieren den armen Ländern verursachen, fast sechsmal so hoch sind wie die von den Industrieländer gezahlte Entwicklungshilfe. Gegenwärtig lassen sich die OECD-Länder die Abschottung ihrer Märkte jährlich fast 350 Mrd. $ kosten. Dabei ist die Landwirtschaft einer der ganz wenigen Bereiche, in denen Afrika mit dem Westen konkurrieren könnte.

Zudem drängen Afrika und andere Entwicklungsländer die Führer der reichen Staaten aber auch zu konkreten Zielvorgaben bei der Armutsbekämpfung, beispielsweise beim Zugang zu Trinkwasser und bei der Stromversorgung. Sie wollen, dass die westlichen Regierungen, anders als in Rio, diesmal konkrete Summen für Projekte zur Armutsbekämpfung bereitstellen und es nicht wieder bei bloßen Absichtserklärungen belassen. Die Industrieländer wehren sich jedoch strikt gegen solch bindende Auflagen. Verständlicherweise stemmen sich viele gegen die Bereitstellung größerer Geldsummen, ohne gleichzeitig Garantien für deren nutzbringende Verwendung zu erhalten.

Obwohl die Forderung nach fairen Preisen für Agrarprodukte und verstärkten Anstrengungen beim Armutsabbau ihre Berechtigung haben, erkennen immer mehr Afrikaner inzwischen an, dass ihre (oft hausgemachten) Probleme nicht allein mit zusätzlichen Hilfsgeldern zu lösen sind. Auch ihnen ist nicht verborgen geblieben, dass ein Gutteil der westlichen Entwicklungshilfe in den Taschen schwarzer Potentaten verschwunden ist. "Anders als in Asien haben wir in Afrika oft Diktatoren ohne jede Entwicklung", sagt der Dritte-Welt-Fachmann Franz Nuscheler. Vielen Herrschern liege viel am eigenen Profit, aber wenig am Fortschritt. Symptomatisch dafür ist die illegale Enteignung und Vertreibung weißer Landwirte in Simbabwe.

Allerdings kann dies nicht bedeuten, dass der Westen die Forderungen Afrikas einfach ignoriert und sich seiner historischen Verantwortung entzieht. Auch ist schwer zu erkennen, wie der schwarze Kontinent aus eigener Kraft seiner Notlage entrinnen könnte. Neben einem größeren Engagement bei der Konfliktprävention könnte der Westen, wie oft versprochen, gerade bei der Beseitigung der Handelsbarrieren mehr tun. Lonake sagt es auf seine Weise: "Wer einfach Geld vom Staat kriegt, der schummelt."

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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