Entwicklungsländer fürchten Kontrollverlust
Konzerne investieren immer mehr im Ausland

Die Welle von grenzüberschreitenden Fusionen und Firmenübernahmen hat die Auslandsinvestitionen internationaler Konzerne auf einen neuen Rekordwert ansteigen lassen.

afp GENF. Wie die Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) in ihrem am Dienstag vorgestellten Weltinvestitionsbericht mitteilte, flossen 1999 weltweit 865 Mrd. $ an Firmengeldern (1,9 Bill. DM/982,7 Mrd. Euro) über nationale Grenzen. Eindeutiger Trend: Internationale Konzerne stecken einen immer geringer werdenden Anteil ihrer Invesitionen in neue Produktionsstandorte, sondern konzentrieren sich auf den Kauf bestehender ausländischer Unternehmen. Für Entwicklungsländer wird die Globalisierung laut UNCTAD zunehmend zum Problem: Sie befürchten nicht nur die Kontrolle über ihre Wirtschaft, sondern auch über ihre Kultur zu verlieren.

"Grenzüberschreitende Unternehmensübernahmen und-zusammenschlüsse, einschließlich des Erwerbs ehemaliger Staatsbetriebe durch ausländische Investoren, sind der Hauptgrund für die neuen Investitionsrekorde", betonte UNCTAD-Generalsekretär Rubens Ricupero in Genf. In den Industrieländern seien Fusionen und Zukäufe längst die wichtigste Form der Dirketinvestitionen geworden. In den Entwicklungsstaaten dominierten zwar noch Neuinvestitionen, Übernahmen und Zusammenschlüsse legten aber unaufhaltsam zu. Im laufenden Jahr könne die Summe aller weltweiten Direktinvestitionen damit bereits mehr als eine Bill. $ erreichen.

Bei mittlerweile 63 000 transnationalen Unternehmen mit schätzungsweise 700 000 ausländischen Tochtergesellschaften umspanne das globale Produktionsnetzwerk "nahezu alle Länder und Sektoren und stellt eine gewaltige Wirtschaftskraft dar", erklärte Ricupero. Den Finanzsektor ausgeklammert, kontrollierten die hundert größten internationalen Unternehmen derzeit Kapitalanteile im Wert von zwei Bill. $ und beschäftigen mehr als sechs Millionen Mitarbeiter in ihren ausländischen Töchtern.

Großbritannien war im vergangenen Jahr Spitzenreiter

Spitzenreiter beim Engagement im Ausland war im vergangenen Jahr Großbritannien mit einem Investitionsvolumen von 199 Milliarden Dollar. Aus Deutschland flossen 50,6 Mrd. $ ins Ausland. Hauptzielland waren die USA, die mit 276 Mrd $ rund ein Drittel aller Auslandsinvestitionen an sich ziehen konnten. Insgesamt konnten zehn Industriestaaten 68 Prozent aller Direktinvestitionen auf sich vereinen.

Beim Engagement in Entwicklungsländern könnten Neuinvestitionen "auf der grünen Wiese" einen größeren Entwicklungsbeitrag leisten als Übernahmen, heißt es in den Investitionsbericht weiter. UNCTAD-Sprecher Ludger Oldenthal betont jedoch, nach mehreren Jahren zögen auch Übernahmen meist Folgeinvestitionen nach sich, die wiederum "neue Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen". Viele Entwicklungsstaaten verfolgen laut Ricupero "mit Besorgnis" die Übernahme ganzer Industriezweige durch ausländischer Firmen und erwarteten negative Folgen für die nationale Souveränität und die Entwicklung von lokalem Know-how und Technologien. Bei Käufen im Medien- und Unterhaltungsbereich werde befürchtet, dass kulturelle Werte und nationale Identitäten untergraben werden könnten.

Die UNCTAD forderte, den Globalisierungsprozess verstärkt zu flankieren. Vor allem in den Entwicklungsländern müsse sichergestellt werden, dass der Wettbewerb auf den nationalen Märkten bei Firmenzusammenschlüssen intakt bleibe. "Ein globaler Markt für Unternehmen legt gleichfalls einen globalen Ansatz bezüglich der Wettbewerbspolitik nahe", erklärte Ricupero. Dazu müsse die Zusammenarbeit zwischen den nationalen Wettbewerbsbehörden verbessert und Entwicklungsstaaten Hilfestellung geleistet werden.



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