Er leitet den zweitgrößten Aluminiumkonzern der Welt
Oleg Deripaska: Des Präsidenten liebster Oligarch

Der Chef von Russkij Aluminij genießt nicht nur das Wohlwollen von Russlands Staatschef Wladimir Putin, er hat auch in vielen Branchen, die das Leichtmetall verarbeiten, seine Finger mit ihm Spiel. Sein jüngster Coup: die Kaperung der Fluggesellschaft Aeroflot.

HB MOSKAU. Alles, was ein Oligarch braucht - Oleg Deripaska hat es: das junge Alter von gerade 33 Jahren, den Posten als Chef eines der bedeutendsten Konzerne Russlands, ein Milliarden-Vermögen, gepanzerte Limousinen, Kohorten von Leibwächtern und einen schlechten Ruf: Er soll, so der schlimme Vorwurf, mit der Mafia unter einer Decke stecken.

Doch Deripaska ist nicht irgendein Oligarch. Er steht zwar laut dem Moskauer Wirtschaftsmagazin "Kommersant-Dengi" mit einem Privatvermögen von 1,5 Milliarden Dollar und den drei Milliarden Dollar, die der von ihm geführte Aluminiumkonzern Russkij Aluminij an Umsatz macht, in der Liste der reichsten russischen Unternehmer nur an 18. Stelle. Dafür ist er aber ein Oligarch so richtig nach dem Geschmack des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Mit dessen Billigung hat Russlands Aluminiumkönig ein gewaltiges Firmenimperium aufgebaut, das drei Viertel der russischen und ein Zehntel der weltweiten Aluminiumproduktion kontrolliert. Doch Deripaska hegt - sehr zum Wohlwollen des Staatschefs - keinerlei politische Ambitionen.

"Alle Unternehmer sollen gleich weit weg von der Macht sein", hatte Putin sein Oligarchen-Credo formuliert. Doch spätestens seit George Orwell ist bekannt, dass einige gleicher als gleich sind. So kann Deripaska im Putin- Reich sein Wirtschaftsimperium immer weiter ausbauen, während Wirtschaftsführer, die politische Interessen allzu lautstark kundtaten, inzwischen aus Russland emigrieren mussten.

Wer Deripaska aus der Nähe kennt, berichtet von einer zwiegespaltenen Persönlichkeit: Meist schweigt er - wie Dustin Hoffman in der Rolle des Autisten im Kinohit "Rainman". Doch von einer auf die nächste Sekunde kann er losbrüllen und engste Mitarbeiter regelrecht niedermachen.

Nur einen dürfte er nie so angebollert haben: Roman Abramowitsch. Der Chef des russischen Ölkonzerns Sibneft hat nicht nur ein ähnlich ungezügeltes Temperament wie Deripaska, sondern ist auch dessen wichtigster Kumpan. Mit Abramowitschs Ölkonzern Sibneft und dessen Aluminium- Schmelzen hat Deripaska Russkij Aluminij zum zweitgrößten Aluminiumkonzern der Welt - nach dem US-Unternehmen Alcoa - verschmolzen.

Doch das reicht ihm offenbar nicht. Deripaska hat sich auch in andere Branchen eingekauft, in denen das Leichtmetall eingesetzt wird: Sein Konzern hält Aktienpakete an Dosenherstellern und Automobilfirmen.

Sein jüngster Coup: Russkij Aluminij hat fast 26 Prozent der noch immer zu 51,2 Prozent im staatlichen Besitz befindlichen, wichtigsten russischen Fluggesellschaft Aeroflot erworben. Das Geld für den Erwerb der Aktien stammt vermutlich aus in Steueroasen geparktem russischem Fluchtkapital.

Mit Hilfe der seinem Imperium zugerechneten Firmen berief Deripaska für den vergangenen Donnerstag eine außerordentliche Hauptversammlung von Aeroflot ein. Auf dem Aktionärstreffen platzierte er dann auf drei der neun Aufsichtsratsitze Kandidaten seiner Wahl.

Gleichwohl hat Aeroflot-Chef Walerij Okulow seinen Widerstand gegen die Pläne der Leichtmetall-Barone noch nicht aufgegeben: Die wollen, dass die Airline künftig russische statt - wie geplant - Flugzeuge aus westlicher Produktion kauft. Patriotismus? Nein, Russkij Aluminij braucht dringend Aufträge für seine eigenen Flugzeugfabriken. Okulow hingegen will nicht riskieren, dass Aeroflot wegen Verstoßes gegen Sicherheits- oder Lärmbestimmungen aus dem internationalen Flugbetrieb fliegt. Noch hat Deripaska den Machtkampf nicht gewonnen. Seine Ziele verfolgt er knallhart, in der Wahl seiner Mittel ist er nicht zimperlich. In New York haben seine Gegner ihn wegen Bestechung, Geldwäsche und der Vergabe von Mordaufträgen auf 2,7 Milliarden Dollar Schadensersatz verklagt. Vom diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos wurde der studierte Physiker und Ökonom deshalb ausgeschlossen.

Die Ächtung durch den Westen behindert Deripaska aber kaum: Durch die Ehe mit der 21-jährigen Polina Jumaschewa - Tochter Walentin Jumaschews, des einflussreichsten Helfers von Ex-Präsident Boris Jelzin - gehört er zur "Familie". Die "Familie", das sind die mächtigsten, dem Kreml nahe stehenden russischen Tycoons.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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