Er liebt die Geschwindigkeit
Craig Venter - der geschäftstüchtige Wissenschaftler

Die einen gönnen ihm den Nobelpreis, die anderen halten ihn für einen eitlen Selbstdarsteller. Fakt ist: Craig Venter hat die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes um Jahre beschleunigt.

"Er spricht zu Aktionären, nicht zu Wissenschaftlern."

Dieser Satz beschreibt J. Craig Venters Erfolgsgeheimnis - und gleichzeitig seine Tragik. Als der ehrgeizige Wissenschaftler verkündete, er werde das menschliche Erbgut entschlüsseln, wurde er von seinen Kollegen belächelt. An diesem Projekt arbeiteten Wissenschaftler an Universitäten und Instituten in aller Welt gemeinsam seit Jahrzehnten; eine Lösung lag in weiter Ferne. Was sollte da ein einzelner Mann ausrichten, selbst mit der Unterstützung von Sequenzierungs-Robotern und einer Rechnerleistung, die nur vom Pentagon übertroffen wird?

Auch als Venter erste Erfolge meldete, wurde er von seinen Kollegen ignoriert. Als er im April dieses Jahres kundtat, dass er 99 Prozent der Daten habe, beschimpften sie ihn - er wolle nur reich werden mit Patenten aus seinen Ergebnissen.

Und doch sagt Venter, dass ihm nur eines wirklich wichtig ist: Die Anerkennung seiner Kollegen, sein Name über wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Das große Geld locke ihn nicht. Um Geld braucht sich der 53-Jährige längst nicht mehr zu kümmern. Seine Familie ist versorgt. Venter hat seine Anteile an der Human Genome Sciences Inc. für neun Millionen Dollar verkauft.

Was Venter treibt, ist seine Liebe zur Geschwindigkeit. Die langsam mahlenden Mühlen des staatlichen Forschungsbetriebs hat er bis 1992 ertragen - nach dem Studium der Biochemie und der Doktorarbeit über Gene - zunächst als Assistenzprofessor an der State University of New York in Buffalo und später als Abteilungsleiter bei den National Institutes of Health.

Dann brach er aus. Der Anlass: Wissenschaftler rund um den Globus wollten die drei Milliarden Basenpaare, die das menschliche Erbgut ausmachen, entschlüsseln. Arbeit für drei Jahrzehnte. Venter hatte eine bessere Idee: Er würde nur die wirklich relevanten Gene suchen, die von Zelle zu Zelle unterschiedlich sind und damit ihre Funktion charakterisieren. Und er würde zunächst kleine Teile der Gene analysieren und sie anschließend - wie ein Puzzle - zusammensetzen; auch das würde Zeit sparen.

Seine Methode hatte Erfolg. Doch statt mit den Ergebnissen seine Kollegen zu beeindrucken und das Wissen frei zugänglich zu machen, ließ er es patentieren. Fortan musste er sich den Vorwurf gefallen lassen, nur am schnöden Mammon interessiert zu sein. Seine Fähigkeit, die Ergebnisse seiner Forschung öffentlichkeitswirksam vorzutragen, und damit den Aktienkurs seiner Firma Celera zu schüren, vergrößerte den Neid der Kollegen noch.

Denn das menschliche Erbgut, diese schier endlose Aneinanderreihung der vier Buchstaben A, C, T und G, kann nur ein einziges Mal entschlüsselt werden. Und wer dieses Kunststück fertigbringt, dem dürfte der Nobelpreis sicher sein.

Einen Titel hat Venter sicher: Er gilt als der "Vater des menschlichen Genoms". Seine Sucht nach Schnelligkeit könnte jedoch noch dazu führen, dass ihm der ganz große Ruhm und das ganz große Geld versagt bleiben. Kritiker werfen ihm vor, dass er das Genom mit Hilfe gigantischer Computer berechnet - auf traditionelle Laborforschung verzichtet Venters Firma Celera fast völlig. Und ob das US-Patentamt diese "theoretischen" Ergebnisse anerkennt, ist offen. Ebenso wie die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees.

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