„Er wird 90 % seiner Sponsoren verlieren“
Ullrich droht der Werbe-Gau

Wenn man im Internet die Homepage der Schwartauer Werke besucht und auf den Link des Müsli-Riegels "Corny" klickt, dann öffnet sich gleich ein zusätzliches Dialogfenster: Werbeträger Jan Ullrich räkelt sich genüsslich in einem Liegestuhl am Strand. Diverse Wellness-Reisen sind zu gewinnen, man muss nur die Preisfrage beantworten. Wo entspannt Jan Ullrich am liebsten? A: Am Pool? B: Auf dem Fahrrad? C: Am Strand auf einem Liegestuhl? Seit Mittwoch ergänzen Spötter die Antwortmöglichkeiten noch um Variante D: beim Drogenkonsum.

DÜSSELDORF. Seit im Blut von Deutschlands bestem Radrennfahrer Amphetamine nachgewiesen worden sind (die B-Probe steht allerdings noch aus), hat das einstige Sauber- und Biedermann-Image des Telekom-Profis einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nach zahlreichen Verletzungen ging es in diesem Jahr rasend schnell bergab. Am 1. Mai fuhr Ullrich in seinem Porsche mit 1,4 Promille im Blut einen Freiburger Fahrradständer an und beging Fahrerflucht. Die Folge: Führerscheinentzug und eine hohe Geldstrafe.

Und nun der Gau. "Das ist eine Katastrophe für Jan und das Team", meinte Mannschafts-Routinier Udo Bölts bestürzt. Ullrichs Manager Wolfgang Strohband sagte dem Handelsblatt zwar, dass alle Sponsoren zunächst die weitere Entwicklung abwarten wollen. Doch Hartmut Zastrow, Vorstand der Kölner Agentur Sport + Markt AG, legt sich schon fest: "Ich bin mir sicher, dass Ullrich 90 Prozent seiner Sponsoringpartner verlieren wird - und zwar von heute auf morgen". Schließlich könnten Unternehmen Werbeverträge im Dopingfall meist fristlos kündigen, die Beweispflicht liege bei dem Betroffenen. "Nach dem Fall Dieter Baumann und den Doping-Gerüchten um Ullrich in der Vergangenheit war das nun der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat", so Zastrow. "Ullrich hat in diesem Jahr schon genug Negativschlagzeilen produziert", findet auch Ulrich Weigel, Marketingleiter bei der Sport Direkt GmbH. Die Firma ist Importeur von Ullrichs italienischem Werbepartner, dem Sportbrillenhersteller Rudy Project. Allerdings müsse man abwarten, was der Sportler selbst zu den Vorwürfen sage.

Ullrich ist erstmal abgetaucht

Der Schwarzwälder, der inzwischen von seinem Team beurlaubt wurde, ist erstmal abgetaucht. Erklären können sich seine Sponsoren den ominösen Amphetamin-Fund nicht: "Doping macht keinen Sinn, da Ullrich ja schon angekündigt hatte, höchstens bei der WM und der Vuelta zu fahren", sagt Weigel. Falls die in der Probe gefundenen Muntermacher aber nicht auf eine "Discosünde", sondern auf systematisches Doping zurückzuführen seien, könne man den noch bis 2005 laufenden Vertrag mit Ullrich sehr schnell lösen, betont Weigel. Auch Adidas würde sich in diesem Fall von seinem langjährigen Werbepartner trennen. Man hoffe aber, dass Ullrich "alle persönlichen Probleme, die er momentan ganz offensichtlich hat, in den Griff bekommt", hieß es aus Herzogenaurach.

Für die ARD als Medien- und Werbepartner des Teams sind die Enthüllungen schon der zweite Dämpfer. "Wir hatten den Fokus eigentlich auf das Duell Ullrich gegen Armstrong gelegt", sagt Rolf-Dieter Ganz, Pressesprecher beim federführenden Saarländischen Rundfunk. Erst verhinderte Ullrichs Verletzung diesen Showdown und nun die Doping-Verdächtigungen: "Das ist ein falsches Signal zur falschen Zeit." Die Doping-Ausschlussklausel im Vertrag mit der Telekom greife aber nicht, weil Ullrich nicht zum aktuellen Kader gehöre. Glück im Unglück für das Magenta-Team.

Telekom zögert noch mit Konsequenzen

Fraglich ist, wie die Deutsche Telekom reagieren wird. "Die haben schließlich nicht nur ihr Geld, sondern auch ihren Namen hergegeben", so ein Telekom-Analyst. Bislang sei das Geld gut angelegt gewesen, so seine Meinung. Nun aber stehe die Aussage von Vorstandschef Ron Sommer aus dem letzten Jahr im Raum: "Wer dopt, der fliegt." Kommunikationschef Jürgen Kindervater wollte sich erst schlau machen: "Wir müssen erst herausfinden, was genau passiert ist."

Gerüchte, dass sich das Unternehmen ganz aus dem Radsport zurückziehen könnte, gibt es schon länger. Verträge mit Ullrich und Erik Zabel laufen nur noch bis 2003, bei vier Veteranen enden die Kontrakte Ende dieses Jahres. Sparen tut offenbar Not, denn auch die Engagements im Fußball (Bayern München), Basketball (Telekom Baskets Bonn), Eisschnelllauf oder Rudern kosten Geld.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%