Erbe der gleichnamigen Versicherungsgruppe
Rolf Gerling: Der scheue Konzernherr

Der Großaktionär des kriselnden Industrieversicherers ist ein Mann, der sich nicht scheut, mit Traditionen zu brechen. Nun geht es sogar ums Äußerste: den Verkauf.

DÜSSELDORF. Angeblich ist er einer der reichsten Männer Deutschlands: Rolf Gerling, der Erbe des gleichnamigen Kölner Versicherungskonzerns. Doch über den Großteil des Geldes kann der Chef des Gerling-Aufsichtsrats nicht frei verfügen, weil es im Familienunternehmen gebunden ist. Ihm gehören knapp zwei Drittel des zweitgrößten deutschen Industrieversicherers mit einem Umsatz von über zehn Milliarden Euro.

Auf dem Papier ist der Anteil des 47-Jährigen zwar rund 4,4 Milliarden Euro wert. Aber ob er bei einem Verkauf so viel dafür bekommen dürfte, ist fraglich. Der einstige Glanz des Industrieversicherers, dem Vater Hans Gerling zu internationaler Größe und Ansehen verholfen hat, ist verblasst. Zurzeit steckt der Traditionskonzern, der schon einige Krisen meisterte, in argen finanziellen Schwierigkeiten. Diesmal geht es ums Ganze. Auf Druck des Aktionärs Deutsche Bank soll Rolf Gerling das Familienerbe verkaufen, damit ein strategischer Partner einsteigen kann. Das wäre ein Bruch mit der fast 100 Jahre alten Tradition, die mit dem Firmengründer, Großvater Robert Gerling, 1904 begann.

Hat sein Enkel das Erbe in der dritten Generation etwa heruntergewirtschaftet? Das kann man Rolf Gerling allenfalls nur indirekt vorwerfen. Der stets elegant gekleidete, großgewachsene Kölner war sicherlich nie ein so leidenschaftlicher Versicherungsunternehmer wie sein Vater. Deshalb hat er wohl 1991 nach dem Tode seines dominanten Vaters entgegen der Familientradition auf den Chefsessel verzichtet und sich mit der Spitze des Aufsichtsrats begnügt.

Stattdessen setzt er einen erfahrenen Weggefährten des Vaters an die Vorstandsspitze: den Banker Adolf Kracht. Kracht steht der Familie schon seit der Pleite der Privatbank Herstatt in den siebziger Jahren beratend zur Seite. Er ist es auch, der für Rolf Gerling nach dem Tode seines Vaters die Bande zur Deutschen Bank knüpft, der heute 34,5 Prozent vom Versicherer gehören. Zu Lebzeiten Hans Gerlings hätten die Deutschbanker "niemals einen Fuß in die Tür bei Gerling bekommen", erinnert sich Kracht später.

Warum sich die Deutsche Bank 1992 mit zunächst 30 Prozent an Gerling beteiligt hat, ist bis heute nicht schlüssig. Kracht verriet nur, dass es nichts mit Kreditsicherung zu tun gehabt habe. Das war oft vermutet worden, weil damals hohe Erbschaftsteuern anfielen.

Rolf Gerlings Fehler war aber offenbar, dass er den erfahrenen Sanierer Kracht 1996 - viel zu früh - aus dem Management herausholte und mit den privaten Finanzen der Familie betraute. Bei der Wahl Jürgen Zechs als Vorstandschef bewies Gerling keine glückliche Hand. Dem Schöngeist werfen frühere Mitstreiter vor, er habe strategisch richtige Ziele nicht umgesetzt. Erst Anfang dieses Jahres hat sich Gerling von Zech getrennt und Heinrich Focke an Bord geholt.

Rolf Gerling selbst residiert derweil in seinem Domizil im fernen Zürich, das er schon in Studienzeiten gegen die Domstadt getauscht hat. Am Zürichsee kann der Familienvater, der über sein Privatleben so gut wie nichts nach außen dringen lässt, die Geschäfte gelassener verfolgen.

Die Kölner Marienburg, sein herrschaftliches Elternhaus, dürfen die Gerling-Manager seit dem Tode seines Vaters als Schulungszentrum nutzen.

Der studierte Betriebswirt Gerling ist alles andere als der angepasste Unternehmer. Schon früh beschäftigt er sich mit grundlegenden Wissenschaften wie dem Werk des Psychologen C.G. Jung, den er bereits im Elternhaus kennen lernt. Jungs Erkenntnisse über die Verantwortung des Einzelnen für die Welt und die Vereinbarkeit von Gegensätzen haben Rolf Gerling geprägt. So scheut er sich nicht, mit der Umweltschutzorganisation Greenpeace zu diskutieren, obwohl sie seine Großkunden, wie Bayer oder Hoechst, an den Pranger stellen. Wegen seines visionären Denkens wird er allzu schnell als "grüner Spinner" abgetan. Doch das ficht ihn nicht an. Sein Credo vom "Sichern vor Versichern" ist oft kopiert worden. Er hat auf Schadenverhütung bereits wert gelegt, als andere noch vor allem das Umsatzwachstum vor Augen hatten.

Bald dürfte Rolf Gerling reichlich Geld haben, um neue Visionen zu verwirklichen - wenn er seinen Konzernanteil verkauft.

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