Erdgipfel in Johannesburg
Analyse: Der gute Wille allein wird nicht reichen

Zehn Tage lang ist Südafrika nun der Schauplatz der wohl größten Konferenz, zu der die Vereinten Nationen jemals in ihrer Geschichte eingeladen haben. Ein Jahrzehnt nach dem ersten Erdgipfel in Rio de Janeiro werden 175 Staaten in Johannesburg, einer Stadt am Schnittpunkt von Erster und Dritter Welt, zusammenkommen, um über so unterschiedliche Themen wie den Klimawandel, das internationale Welthandelssystem, die Bekämpfung der globalen Armut sowie den möglichen ökologischen Kollaps der Erde zu beraten.

Obwohl in Johannesburg viel von dem aufgegriffen wird, was schon in der Rio-Deklaration informell vereinbart wurde, hat sich der Fokus des zweiten Erdgipfels verschoben. Während Rio zuvorderst ein reines Umwelttreffen war, werden im südafrikanischen Johannesburg auf Drängen der Entwicklungsländer und der südafrikanischen Gastgeber eine gerechtere Entwicklung und die Armutsbekämpfung gleichberechtigt nebeneinander thematisiert.

Nach dem Scheitern der letzten Vorkonferenz in Bali und einer ebenfalls wenig ergiebigen Sondersitzung am Sitz der Vereinten Nationen in New York muss man nicht unbedingt ein Prophet sein, um schon zum Auftakt des Treffens vorauszusagen, dass der zweite Erdgipfel seine hehren Ziele wohl verfehlen wird. Zurzeit ist über ein Viertel der Abschlusserklärung noch umstritten.

Auch ist kaum damit zu rechnen, dass die in den letzten beiden Jahren erfolglos diskutierten Streitpunkte sich nun auf einmal in Johannesburg binnen weniger Tage plötzlich in Wohlgefallen auflösen werden.

Erschwert wird die Situation noch dadurch, dass sich Südafrika und sein Präsident Thabo Mbeki als Anwalt der Dritten Welt verstehen und als Gastgeber somit nicht, wie bei solchen Konferenzen üblich, als unabhängige und unparteiische Makler zwischen den unterschiedlichen Interessen fungieren. Statt aktiv nach Kompromissen zu suchen und zu betonen, dass die konträren Standpunkte keineswegs unvereinbar, sondern zum Teil sogar komplementär sind, war Südafrika im Vorfeld der Mammut-Konferenz eher um eine Schadensbegrenzung bemüht.

Allerdings hat Pretoria es auch nicht ganz leicht gehabt angesichts der Verweigerungshaltung der Vereinigten Staaten, die sich unter der Führung von US-Präsident George Bush gegen jede feste und multilateral bindende Absprache zur Wehr setzten.

Im Gegensatz zu den Ländern der Europäischen Union legen Südafrika und die von ihm repräsentierten G77-Staaten weniger Gewicht auf die ökologischen Anliegen der Nachhaltigkeit, weil sie zunächst den wirtschaftlichen Rückstand zu den Industriestaaten aufholen wollen.

Vom Weltgipfel erwarten die Entwicklungsländer deshalb auch weniger Umweltvereinbarungen, beispielsweise über die Einführung erneuerbarer Energien, als eine größere finanzielle und technische Unterstützung durch den reichen Westen. Zu diesem Zweck will die Dritte Welt deshalb den Westen auf stringente Ziel- und Zeitvorgaben beim Abbau der weltweiten Armut verpflichten.

Bezeichnend und geradezu sinnbildlich für die kommerziellen und vor allem auch weltanschaulichen Gegensätze zwischen Nord und Süd ist dabei die ökologische Situation im Gastgeberland der Konferenz, Südafrika, selbst.

Obwohl sich auch unter den Schwarzen am Kap ganz allmählich ein stärkeres Umweltbewusstsein herausschält, ist der Umweltschutzgedanke am Kap in erster Linie eine Domäne der wohl situierten, sprich: hellhäutigen Bürger. Die von der schwarzen Bevölkerungsmehrheit oft als "Öko-Kolonialisten" verspotteten Bleichgesichter sorgen sich um den Schutz der Wale, die Schwarzen ums tägliche Überleben.

Kein Wunder, dass Südafrika trotz des per Verfassung garantierten Rechts auf eine saubere Umwelt beim weltweiten Klimaschutz noch in den Kinderschuhen steckt. Billige Strompreise und ein ineffizienter Energieeinsatz tragen dazu bei, dass der Ausstoß von Kohlendioxid hier jährlich um mindestens drei Prozent steigt und die Highveld-Region östlich von Johannesburg mit seinen vielen Kohlekraftwerken erschreckenderweise zu den am schwersten von der Umweltverschmutzung heimgesuchten Gegenden der Erde zählt.

Trotz der unterschiedlichen Erwartungshaltung von Erster und Dritter Welt beharrt aber nichtsdestoweniger Südafrikas Umweltminister Valli Moosa darauf, dass die Zusammenkunft in Johannesburg zu einem bedeutenden - wenn nicht: dem bedeutendsten - Treffen der Moderne werden könne.

Sein Optimismus ist schon deshalb geradezu zwingend, weil sich Südafrika schwerlich ein weiteres politisches Fiasko bei der Ausrichtung von internationalen Großkonferenzen leisten kann. Bereits der letztjährige Gipfel der Vereinten Nationen im benachbarten Durban über den Rassismus versank im Chaos, nachdem eine Reihe arabischer Staaten Israel in den Mittelpunkt der Debatte gerückt und das Land der Unterdrückung seiner palästinensischen Mitbürger bezichtigt hatte.

Ob in Johannesburg am Ende doch noch eine internationale Solidarität erzielt werden kann, wird davon abhängen, ob die Idealisten von ihren Maximalforderungen und die Vereinigten Staaten von ihrer Devise "America first" abrücken.

Nach dem Scheitern der letzten Vorkonferenz in Bali und einer wenig ergiebigen Sondersitzung in New York muss man nicht unbedingt ein Prophet sein, um vorauszusagen, dass der Erdgipfel seine hehren Ziele wohl verfehlen wird.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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