Erfahrung aus der Geschichte
Nicht immer erholen sich Börsen schnell von Krisen

Die historische Erfahrung sagt: Die US- Börsen dürften heute nachgeben, sich jedoch in den nächsten Monaten erholen. Nur: Leider hinkt jeder historische Vergleich, da der jüngste Terrorangriff auf amerikanische Zivilisten in vieler Hinsicht einmalig ist.

mm/tmo/WSJ NEW YORK / DÜSSELDORF / FRANKFURT. Ein Blick zurück zeigt, dass die Börsenreaktion nach Schocks einem klaren Muster folgt. Meist fielen die Kurse zunächst. Darauf folgte aber oft eine Erholung. Wer in der Krise kaufte, machte in den meisten Fällen Gewinn, wie eine Studie des Research-Hauses Ned Davis ergab. Darin wurden 14 Krisenereignisse untersucht - vom Angriff auf die US-Marinebasis Pearl Harbor über den Golfkrieg bis zum ersten Attentat auf das World Trade Center 1993.

Das Ergebnis: Unmittelbar nach dem Ereignis erlitt der Dow-Jones-Index der 30 führenden US-Aktien einen mittleren Tagesverlust von 1,4 %. Einen Monat danach lag der Median-Verlust sogar bei 3,7 %. Doch sechs Monate später hatte das weltweit wichtigste Kursbarometer alle Verluste aufgeholt und notierte im Mittel 6,6 % höher.

"Die Geschichte lehrt, dass die Märkte zur Eröffnung oft fallen, aber in der Regel klettern sie danach", sagt J. Thomas Madden, Investment-Chef der US- Fondsgesellschaft Federated Investors, "der Grund liegt in der Hilfe der Notenbanken, die jetzt auch zu erwarten ist". Viele Anlageprofis urteilen ähnlich.

Auf das Schlimmste einrichten

Mehr Sorgen machen die Experten sich um die mittel- und langfristige Börsentendenz. "Dieser Anschlag ist so gravierend und die Folgen sind so unvorhersehbar, dass Investoren sich am besten auf das Schlimmste einrichten", sagt Howard Wheeldon, Europa-Chefstratege des US-Finanzkonzerns Prudential. Jetzt seine Aktien zu verkaufen, ähnele aber dem Versuch, "das Tor zu schließen, wenn die Herde schon entlaufen ist", sagt Wheeldon.

Andererseits zitiert derzeit kaum ein Experte das Motto des Börsenaltmeisters André Kostolany, zu "kaufen, wenn die Kanonen donnern". Denn nach den Kursrückschlägen in Europa existiert keinerlei Erholungsgarantie. Historiker betonen, dass die Kurse nach Schocks zwar meist wieder gestiegen sind - aber nicht immer. So folgte dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges eine jahrelange Börsenschwäche.

"Es kommt immer darauf an, in welchem Kontext ein Ereignis steht", sagt Stephen Roach, Chefvolkswirt der US- Bank Morgan Stanley. Der jüngste Terroranschlag treffe auf eine bereits gefährdete US-Konjunktur. Die Stimmung der Investoren sei nach dem langen Kurssturz ohnehin angespannt. "Dieser Schock kann durchaus der Stoß sein, der die Wirtschaft vollends in eine Rezession stürzt", meint Roach.

Hoffnung macht dagegen der Börsenverlauf während des Golfkrieges von 1990 bis 1991. Damals rutschte die angeschlagene US-Wirtschaft zwar in eine Rezession, die Weltkonjunktur flaute deutlich ab. Doch die Kurse an der Wall Street brachen zwar zunächst ein, erholten sich aber recht zügig wieder.

Bedeutung des Ölpreises

Nach Meinung von Michael Hartnett, Leiter der europäischen Anlagestrategie bei Merrill Lynch, hängen die Folgen der Terrorangriffe auf New York und Washington vor allem von zweierlei ab: der Geldpolitik und dem Ausmaß der erwarteten Vergeltungsmaßnahmen. Die Analysten der Commerzbank betonten ebenfalls den militärischen Aspekt und außerdem die Bedeutung des Ölpreises: "Sollte es nicht zu umfangreichen militärischen Aktionen im Nahen und Mittleren Osten kommen, die dann sicherlich wie während des Golfkrieges zu einem dauerhaft höheren Ölpreis führen würden, wären die Risiken von dieser Seite eher begrenzt", heißt es in einer Studie.

Als der Irak am 2. August 1990 Kuweit überfiel, schoss der Ölpreis um mehr als die Hälfte in die Höhe. Die Angst vor einem dauerhaften Preisschub und den damit verbundenen Inflations- und Konjunkturrisiken ließ die Börsen einbrechen. Der Dow-Jones-Index sackte bis Mitte Oktober von 2 900 Punkten auf rund 2 350 Zähler. Anders als beim Börsencrash 1987 lockerten die Notenbanken ihre Geldpolitik nicht - im Gegenteil: Die Zinsen stiegen zunächst sogar.

Als im Januar 1991 die Befreiung Kuwaits mit der Operation Wüstensturm (Desert Storm) begann und sofort die Luftüberlegenheit der Alliierten klar wurde, kletterte der Dow wieder über 2 600 Punkte. Die Märkte hofften, dass der Golfkrieg schneller und mit weniger Opfern enden würde, als zuvor befürchtet. Noch vor Ende des Golfkrieges im Februar 1991 hatte der Dow-Jones-Index bereits wieder einen Stand von 2 900 Zählern erreicht.

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