Erfolg erfordert viel Übung
Seiten fressen

Lesen lernt man in der Schule, Schnell-Lesen dagegen meist erst im Beruf.

Herr Schneider mag nicht mehr. Jeden Tag quellen 50 E-Mails aus seinem Postfach, meist sind es Kurznachrichten, doch nicht selten haben sie üppige Dateien im Schlepptau. Hinzu kommen die reale Post, Berichte aus anderen Abteilungen, Protokolle von Meetings, Artikel aus der Fachpresse. Wie das alles lesen, und vor allem wie es auch behalten, fragt sich Schneider und schiebt als erstes die Fachartikel beiseite. Und schämt sich, weil er nicht mehr auf dem Laufenden ist.

So wie Schneider geht es vielen Führungskräften. Sie fühlen sich überfordert von der Fülle der Informationen, die sie täglich verarbeiten müssen. Was sie brauchen, ist Nachhilfe im Lesen. Oft hilft schon eine Steigerung der Lesegeschwindigkeit. "Im Durchschnitt kann man im Deutschen vier Wörter pro Sekunde lesen", sagt Walter Uwe Michelmann, Diplom-Pädagoge und Lesetrainer. "Das ergibt 240 Wörter pro Minute. Wenn man viel und häufig liest, lässt sich diese Geschwindigkeit auf maximal 720 Wörter pro Minute steigern." Das entspricht etwa drei Seiten in einem Taschenbuch.

Michelmann, der mit seiner Frau Rotraut Hake-Michelmann mehrere Bücher, zuletzt "Turbolesen", veröffentlicht hat, trainiert seit über 20 Jahren Manager und Freiberufler im Lesen. Ihr wichtigster Rat: viel lesen, gelegentlich anderen laut vorlesen. Schwierige neue Worte, Fachbegriffe wie "Desoxiribonukleinsäure", sollte man mehrfach langsam und laut sprechen, dann lassen sie sich später leichter und vor allem schneller lesen, da das Auge das Wortmuster schneller erkennt.

Inneres Mitsprechen des Textes hilft

Herkömmliches Lesen, das haben Leseforscher wie der Wiener Professor Erich Vanecek schon vor Jahrzehnten herausgefunden, beruht auf der Subvokalisierung, also dem inneren Mitsprechen des Textes. Diese Fähigkeit kann durch Üben gesteigert werden. Dann entsteht eine Art "Durchkoppeln", bei dem man häufige Wortkombinationen als eine Einheit, als "Superzeichen", wie die Psychologen sagen, wahrnimmt. Für die rasche Informationsaufnahme empfehlen die Michelmanns zwei weitere Techniken: die konzentrierte Suche nach Schlüsselbegriffen und das "schnelle Blättern im Sekundentakt". Am besten lasse sich dieses "planvolle Nichtlesen", so die Trainer, "im Stehen absolvieren". Dabei blättert man zügig durch den Text, kontrolliert Inhalt und Aufbau des Buchs und sucht nach Schlüsselbegriffen, in deren Kontext man sich ein wenig "festlesen" darf. "Es ist eine hochkonzentrierte Form des Lesens", sagt Hake-Michelmann, "bei der man auch eine Menge auf der Meta-Ebene erfährt, etwa über Stil, Aufbau, Ton des Buches." Mit einem "naiven Querlesen" habe dieses Lesen im Sekundentakt nichts zu tun.

Nächste Stufe: Mitsprechen ausschalten

Ihre Königsdisziplin nennen die Michelmanns "Schnell-Lesen", ein teures, anstrengendes Einzeltraining, das unter anderem Bernhard Jagoda, der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, vor 15 Jahren absolviert hat. "Es ist ein Eingriff in den Kopf", sagt die Physikerin Hake-Michelmann, "denn wir schalten das innere Mitsprechen bei diesem Training bewusst aus." Begleitet wird das auch "Turbolesen" genannte Schnell-Lesen von einer Fingerbewegung, die ebenfalls geübt werden muss. Dabei fährt der Finger in einer klar definierten Linie über die Seite. Das, so haben die Trainer herausgefunden, "löst eine Nervenaktivität im Gehirn aus, die die Subvokalisierung ersetzt. Damit wird das Schnell-Lesen zu einer rein optischen Textaufnahme."

Schnelllesen ist ein schwieriger Lernprozess

Es sei aber keine Methode die man sich als Laie selbst beibringen könne. Wer das versuche, handele sich gravierende Lesestörungen ein, die Folge seien Leseunlust und Konzentrationsstörungen. Schnell-Lesen sei ein schwieriges, von Krisen und schierer Verzweiflung begleiteter Lernprozess, warnen sie ihre Kunden. Aber als Belohnung winke eine Lesegeschwindigkeit von durchschnittlich 6 000, maximal 10 000 Wörtern pro Minute.

Alpha-Lesen

"In meinem Leben gibt es immer ein Buch, das ich bewusst und ganz langsam, über ein Vierteljahr hinweg lese", sagt Klaus Marwitz, Lesetrainer und Inhaber des Instituts für Kommunikation und Zeitdesign, Bonn. Der Pädagoge und Entwickler des so genannten Alpha-Readings verspricht seinen Klienten eine rasante Lesebeschleunigung: Danach kommt man beim "Scannen" von Texten auf 50 bis 100 Seiten pro Minute.

Marwitz legt ein anderes Konzept als die Michelmanns zugrunde. Er glaubt daran, dass die Fähigkeit zum schnellen Lesen letztlich von einer positiven, zukunftsoffenen Lebenseinstellung abhängt: "Wer die Zukunft freudig erwartet und sich seine Ziele klar gesetzt hat, der liest gerne, denn Lesen ist ein Mittler, um diese Ziele zu erreichen." Folglich trainiert er mit seinen Kunden zunächst ein Denken, das sich der Zukunft zuwendet, und erarbeitet mit ihnen außerdem den Aufbau einer Zielkette. Diesen Zielen entsprechend gilt es, an jeden Text die Frage zu stellen, welche Erwartungen man an ihn hat. Ist das erledigt, kommt das eigentliche Training des Alpha-Lesens.

Der Begriff "Alpha-Zustand" beschreibt einen "Zustand, bei dem der Blick weicher wird, weil der Mensch entspannt ist. In dieser entspannten Situation kann man mehr aufnehmen", sagt der Pädagoge. Als Hilfe für das Scannen eines Textes gehen die Fingerspitzen senkrecht von oben nach unten über die Seite. Statt einzelne Zeilen, ja Worte zu lesen, wird die "gesamte Fläche eines Textes nach Begriffen abgesucht, die dem gesetzten Ziel entsprechen, und das Muster dieser Bedeutungen abspeichert."

Das Alpha-Reading enthält, so räumt der Trainer ein, wie das so genannte Photoreading die wesentlichen Elemente des Flächenlesens, das in den 70er-Jahren entwickelt wurde. Nur die Herangehensweisen sind unterschiedlich. Marwitz betont: "Mir geht es nicht um das Schneller-höher-weiter des Photoreading, sondern um die europäischere Version des Mehr--tiefer-nachhaltiger."

Das neue Buch "Turbolesen" von Rotraut und Walter Uwe Michelmann erscheint demnächst im Falken-Verlag (19,90 Mark).

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