Erfolgreichste Bloggerin der Welt
Fräulein Xu macht Urlaub

Xu Jinglei ist vor dem Pekinger Olympia-Trubel in die USA geflohen - auch wenn sie das offiziell nie zugeben würde. Die meist gelesene Bloggerin der Welt geht eigenwillig ihren Weg und schert sich nicht länger um die Gruppe. Mit diesem Individualismus steht sie für eine neue Generation in China.

DÜSSELDORF. Die Zahl Zehntausend ist in China ein Synonym für unvorstellbar große Mengen. Zehntausend Kilometer ist der chinesische Superstar Xu Jinglei heute Abend von Peking entfernt. Während Chinas Starregisseur Zhang Yimou die gigantische Olympia-Eröffnung im Pekinger "Vogelnest" dirigiert, trinkt die preisgekrönte Schauspielerin Xu Jinglei mit ihrem Freund in den fernen USA Café Latte und paukt Englisch-Vokabeln.

Die 34-Jährige ist nicht nur räumlich meilenweit vom offiziellen Jubel entfernt, eigenwillig geht sie ihren Weg und schert sich nicht länger um die Gruppe. Mit diesem Individualismus steht sie für eine junge Generation in China.

Viele Pekinger sind genervt von den Olympia-Begleiterscheinungen, die das Leben in der ohnehin staugeplagten Stadt noch stressiger machen. Wer es sich leisten kann, flieht - wie Xu Jinglei. Weil die prominente Schauspielerin das aber nicht öffentlich sagen will, liefert sie eine abenteuerliche Begründung für ihren Sprachurlaub: Wenn sie in Peking auf die Straße gehe, verursache sie Chaos, und das wolle sie auf jeden Fall und ganz besonders während der Spiele vermeiden. So unterstütze sie Olympia gerade durch ihre Abwesenheit und mache den Himmel ein wenig blauer. Chinesen finden diese verdrehte Argumentation lustig.

In China ist Xu Jinglei ein Superstar, im Westen unbekannt. Ihr Internet-Tagebuch bekommt manchmal mehr als 1 000 Kommentare - pro Eintrag. Damit ist es das erfolgreichste und meist gelesene der Welt, sagt der Medientheoretiker Geert Lovink. Doch in westlichen Blog-Ratings taucht Xu Jinglei nicht auf. Denn die chinesische Sprache mit der komplizierten Schrift zieht eine Mauer um Chinas quirlige Internet-Gemeinschaft.

Selbst wenn Xu Jingleis Blog für westliche Leser zugänglich wäre, würde wohl kaum einer hierzulande Freude an der Lektüre finden: Viel zu belanglos, geradezu banal. Im Reich der Mitte brachte es Xu Jinglei allerdings auf 100 Millionen Aufrufe in weniger als zwei Jahren, das sind 100 Leser pro Minute - ohne eine Spur von Skandal, Glamour oder Kritik. Sie ist ein Star, der aus sich eine lokal erfolgreiche Marke gemacht hat.

Xu Jinglei ist eines dieser chinesischen Phänomene, mit denen sich der Westen so schwer tut. Denn die staksige ein-Meter-siebzig-Frau passt in kein Klischee. Xu Jinglei ist weder Dissidentin, noch Skandalautorin, noch Film-Diva. Für chinesische Verhältnisse ist sie nicht einmal außergewöhnlich hübsch, sagt sie: ein bisschen zu dunkel, mit 48 Kilo ein wenig zu dünn. Doch sie habe das Glück, in einer Zeit zu leben, in der sich auch das chinesische Schönheitsideal wandele.

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