Erfolgsbilanz der Chinesen
Die Firmen-Shopper aus Fernost

Chinesische Konzerne haben den Investitionsstandort Deutschland entdeckt. Die ersten sind schon da und produzieren Flugzeuge, Fernseher und Druckgasflaschen.

Vorbei an heruntergekommenen Fabrikhallen mit zerstörten Scheiben, hinweg über halb zugewachsene Bahngleise, hinauf über eine blaue Feuerleiter und hinein in ein kleines Büro - da sitzen sie, die drei leitenden Manager der Welz Zylinderherstellung GmbH im brandenburgischen Rathenow, zusammengepfercht auf höchstens zwanzig Quadratmetern. Für Blumen, größere Schränke oder gar moderne Kunst ist kein Platz. Hier, im Gewerbegebiet "An der Gasanstalt", wird gearbeitet, und das unter ähnlichen Bedingungen wie in jenen Jahren, als die Firma noch Kombinat für Ofen- und Herdbau Rathenow hieß, mehr als 400 Leute beschäftigte und das gesamte Havelland mit ihren Heizgeräten belieferte. "Für neue Büromöbel haben wir im Moment kein Geld", sagt Geschäftsführer Jiang Zhou fast ein wenig entschuldigend. "Wir stecken erstmal jeden Cent in neue Maschinen."

Insgesamt 1,7 Millionen Euro will der 28-jährige Chinese bis Ende 2004 in die Herstellung von Druckgasflaschen für Feuerlöscher, Sodamaschinen und Zapfanlagen investieren. Fast 50 Mitarbeiter will er dann beschäftigen. Und hat noch viel vor: "Von Deutschland aus den europäischen Markt erobern, da sehe ich noch große Chancen." Jiang Zhou gehört zu den wenigen Chinesen, die in Deutschland mit eigenem Kapital einen produzierenden Betrieb übernommen haben. Für zwei Millionen Euro hat er im Frühjahr die florierende Gasflaschenproduktion aus der Insolvenz des süddeutschen Mittelständlers Welz herausgekauft. Das Unternehmen hatte sich mit dem Einstieg in die Druckpatronen-Herstellung für Auto-Airbags übernommen.

Jiang, dessen Vater in Shanghai die in der gleichen Branche tätige Huasheng Enterprises Group mit 2 700 Beschäftigten gehört, war schon seit Monaten auf der Suche nach einem dazu passenden Produktionsbetrieb in Europa. "Bislang haben Chinesen in Deutschland meist nur Handelsfirmen unterhalten oder Gastronomiebetriebe gegründet. Aber der Trend geht auch zur Produktion", sagt Jiang. "Wir müssen nahe am Kunden sein."

Wie Jiang denken offenbar immer mehr Chinesen über ein Auslandsengagement nach. Nach den Ergebnissen einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger wollen 90 Prozent der 50 führenden chinesischen Firmen international expandieren. Die Berater schreiben, dass chinesische Unternehmen seit 1993 jedes Jahr im Schnitt 23 Prozent mehr Geld im Ausland investieren. Zwar ist und bleibe der US-Markt für die Asiaten auch künftig erste Wahl. Doch immerhin liege Europa auf Rang zwei, und Deutschland stehe hier ganz oben.

"In Deutschland stimmt das Know-how"

Für den neuen Welz-Eigentümer Jiang ist das wenig verwunderlich. "In Deutschland stimmt das Know-how, die Einstellung der Mitarbeiter, und selbst die Bürokratie lässt sich bewältigen", sagt der 28-Jährige. Jiang, ein groß gewachsener Mann mit schwarzen glatten Haaren, der ordentlich Deutsch spricht, hat zunächst in Heidelberg Wirtschaftswissenschaften studiert und dann in Hamburg die Huapeng Trading GmbH gegründet, über die die Firma des Vaters ihre Europa-Geschäfte abwickelt. Als Konkurrent Welz schließlich Pleite ging, heftete sich Jiang an die Fersen des Insolvenzverwalters Klaus Maier. Der Stuttgarter Rechtsanwalt sagt: "Der junge Chinese wollte das unbedingt durchziehen." Beharrlich, fair und intelligent sei er bei den Verhandlungen vorgegangen, lobt Maier. "Ich bin mir sicher, der packt das."

Doch ganz will sich Jiang offenbar nicht auf sein eigenes Wissen verlassen. Seit er die Welz-Geschäfte leitet, hat er Johannes Storz, 61, als Geschäftsführer an seiner Seite. Ein groß gewachsener, hagerer Mann, der sich in der Branche gut auskennt, führte er doch einst das Deutschland-Geschäft des französischen Konzerns Air Liquide. Storz sagt: "Ich bin so eine Art Business-Angel. Ich helfe Herrn Jiang mit meinen Marktkenntnissen und im Umgang mit den deutschen Behörden."

"Wir suchen Firmen, die unter starkem Kostendruck stehen"

Beide glauben, dass neben den vielleicht fünf oder sechs chinesischen Investoren, die hier zu Lande schon produzierende Betriebe besitzen, in den nächsten Jahren noch viele hinzukommen werden. Das Wirtschaftsministerium in Berlin würde ein stärkeres chinesisches Engagement grundsätzlich begrüßen: "Der Kontakt zu diesem großen Marktpotenzial kann gar nicht eng genug sein", heißt es. "Meine Landsleute werden in bekannte deutsche Namen investieren, die sich auch im Ausland gut verkaufen lassen", konkretisiert Investor Jiang. Und bildet damit offenbar auch genau die Meinung von Jonathan Chu ab. Der Europa-Chef des chinesischen Konzerns D?Long sitzt in München, der wichtigsten Auslandsvertretung des Großkonzerns. Chu sagt: "Wir suchen gezielt Firmen, die unter starkem Kostendruck stehen und denen der Zugang zu Märkten wie China fehlt."

Ähnlich begründete auch schon der Elektronikriese TCL seinen Einstieg beim insolventen schwäbischen Fernsehhersteller Schneider im vergangenen Herbst. Für 8,2 Millionen Euro kauften die Chinesen, Marktführer im eigenen Land, das Schneider-Stammgeschäft. "Irgendwann wird das Wachstum in China nachlassen, deshalb investieren wir in stabile Märkte", berichtet Produktionschef Bruce Ren; auch so bereiten sich Chinas Konzerne auf die Zeit vor, wenn durch den Beitritt zur Welthandelsorganisation auch die neuen Handelsregeln gelten.

TCLs deutsches Geschäftsmodell ist rasch erklärt: Aus China bezieht Schneider günstige Komponenten, die von billigen Arbeitern in Osteuropa zusammengebaut werden. Deutsch bleibt nur der Name. Im Türkheimer Stammwerk passiert nicht mehr viel: Dort werden nur noch Spezialgeräte in kleinen Serien gefertigt.

Kapital und Kontakte nach China

Im Klartext: Konzerne wie TCL und D?Long geben angeschlagenen Unternehmen frisches Kapital und sorgen durch Kontakte ins Niedriglohnland China für günstige Fertigungs- und Einkaufsmöglichkeiten bei Zulieferern. Aus Branchenkreisen ist zu hören, dass beide Konzerne auch um die TV-Produktion des insolventen Nürnberger Elektronikkonzerns Grundig mitbieten.

Wie seine Landsleute von TCL hat auch D?Long-Manager Chu mit einer Investition in Deutschland aufhorchen lassen. Im Frühjahr übernahm D?Long aus der Masse des insolventen Oberpaffenhofener Flugzeugbauers Fairchild Dornier das so genannte 728-Projekt. Ab Sommer 2006 will D?Long den in der Branche schon hoch gelobten Regionaljet in Serie fertigen, 600 Millionen Euro sollen dafür in den Flugzeugbau investiert werden. D?Long, in China in den Sparten Finanzdienstleistungen, Baustoffe und Maschinenbau tätig und nach eigenen Angaben eines der größten privaten Unternehmen des Landes, zählt wie TCL in jene Kategorie von Firmen, die die Berater von Roland Berger so beschreiben: "Sie gehören zur Speerspitze in Chinas ehrgeiziger globaler Expansionsstrategie: Unternehmen wie der Kühlschrankmulti Haier, der Telekomausrüster Huawei oder der Computerkonzern Legend." Sie hätten daheim ganze Industrien "aufgemischt", ausländischen Wettbewerbern Marktanteile abgenommen und seien rasant zu Großunternehmen gewachsen. Einerseits.

Andererseits sind es erst 28 Milliarden Dollar, die chinesische Konzerne im Ausland investiert haben. Damit spielten sie international eher "in der dritten Liga". Zum Vergleich: Deutsche Konzerne haben 513 Milliarden Dollar, US-Unternehmen gar 1,4 Billionen Dollar außerhalb der Heimat angelegt .

Umso mehr hegten jetzt viele chinesische Unternehmen "Expansionsgelüste auf internationalen Märkten", heißt es in der Studie. Aus politischen Gründen jedenfalls werden sie in ihrem Wachstumsstreben nur noch selten gebremst. Scheiterte vor sechs Jahren der Einstieg der Tongwei-Gruppe bei der ehemaligen Chipfabrik SMI in Frankfurt/Oder, weil die Volksrepublik den Kapitalexport nicht genehmigte, werden jetzt sogar heikle Projekte durchgewunken - wie die Fairchild-Übernahme durch D?Long belegt.

Heute sieht Werner von Anhalt, Geschäftsführer des 728er-Projekts, "eine 75-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass das Flugzeug auch wirklich in Serie gebaut wird". Offene Fragen in der Finanzierung sollen bis Endes des Jahres geklärt sein. Von Anhalt ist der Boss von 34 Beschäftigten, die auf dem ehemaligen Firmengelände von Dornier für die Chinesen wieder am Bau des 728-Jets arbeiten. Der Regionalflieger soll im nächsten Jahr seinen ersten Start absolvieren und nicht mehr als 23 Millionen Euro kosten. Wie viel D?Long für das Projekt bezahlt hat? Insolvenzverwalter Eberhard Braun schweigt. Die eingesparten Anlaufkosten beziffert D?Long- Manager von Anhalt auf 300 bis 400 Millionen Euro.

Mit Schwung öffnet von Anhalt jetzt die Tür zu einer 4 000 Quadratmeter großen Halle, in der das so genannte "Test Aircraft Number one" zusammengeschraubt wird, jenes Modell also, das im nächsten Jahr zum Erstflug abheben soll. Von außen sieht der 27 Meter lange, weiß-blau lackierte Jet so aus, als sei er schon startklar. Doch wer die steile Leiter hochsteigt und in den Innenraum blickt, der weiß, warum die Techniker noch gut ein Jahr brauchen werden. Wo demnächst die Sitze montiert werden sollen, liegen noch massenweise orangefarbene Kabelrollen. In der Kabine sieht es noch ziemlich genau so aus, wie in dem Moment, als die Dornier-Angestellten die Arbeiten an der Maschine nach der Insolvenz einstellten. "Hier ist seit einem Jahr so gut wie nichts passiert", erzählt Geschäftsführer von Anhalt. "Jetzt setzen unsere Leute das Flugzeug unter Strom." Auch wer die Nachbarhalle besichtigt, könnte glauben, die Frühschicht sei eben erst zu Ende gegangen. Schrauben und Muttern, Werkzeuge und Dienstpläne liegen auf Tischen, Maschinen und halb fertigen Rumpfteilen. Es gibt nur ein Zeichen dafür, dass sich doch etwas getan hat. Überall kleben Inventurschildchen mit der violetten Aufschrift "Property of D?Long", Eigentum von D?Long.

Endmontage soll in Pfaffenhofen bleiben

Einen solchen Sticker trägt auch der gewaltige Nietroboter, mit dessen Hilfe in einem technisch aufwendigen Verfahren die einzelnen Rumpfteile zusammengesetzt werden. Die Maschine hat zehn Millionen Euro gekostet, reicht vom Boden bis unter die gut fünfzehn Meter hohe Hallendecke und "verschlingt", so von Anhalt, "erhebliche Personalkosten durch eine extrem aufwendige Bedienung". Deshalb, erzählt der Manager, könne er es sich gut vorstellen, dass der Roboter künftig seinen Dienst in China verrichtet, wo die Personalkosten nur einen Bruchteil so hoch liegen wie in Deutschland.

Doch schnell fügt von Anhalt hinzu, dass die Endmontage auf jeden Fall in Oberpfaffenhofen bleiben werde. Das wollten die Kunden so, chinesische Flugzeuge ließen sich auf dem Weltmarkt aus Imagegründen noch nicht verkaufen. Und so könnte es sein, dass auf dem Flughafengelände im Münchener Südwesten bald wieder einige Hundert von einst 3 500 Dornier-Mitarbeitern einen Job finden.

Doch es gibt nicht nur Erfolgsgeschichten unter dem D?Long-Dach. So hatten auch die Angestellten der Hiltex Hirschfelder Leinen GmbH auf dauerhaft sichere Jobs gehofft, als D?Long den Produktionsbetrieb für Webgarne aus Leinen mit seinen 50 Beschäftigten 2001 übernahm. Doch daraus wird nun nichts. In der sächsischen Provinz, nahe Zittau, wird die Fabrik zum Jahresende geschlossen. D?Long nennt Schwierigkeiten mit den Gewerkschaften beim Aushandeln neuer Tarifverträge als Grund. Die IG Metall kritisiert indes, dass es den Chinesen bei der Übernahme nur um die Maschinen und den Namen ging, nicht aber um das Unternehmen selbst. Die Chinesen entgegnen, dass sie die Firma keineswegs für immer dicht machen wollen. Unter neuem Namen soll das Werk den Betrieb bald wieder aufnehmen - in Rumänien.

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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