Erfolgsserie mit S04 war nur kurz
Zwischen Blau-Weiß und Politik

Die Zeiten ändern sich: vom gefeierten Star zum tragischen Helden. Nach sportlichen Niederlagen steht das "Schalke-Denkmal" Marc Wilmots immer mehr in der Schusslinie und wird wohl aufhören. Doch die Vorlage aus der Politik hat er schon genutzt.

GELSENKIRCHEN. Der Mann ist angefressen - das ist nicht zu übersehen. Auf seinem Schreibtisch liegt die aktuelle "Kicker"- Ausgabe. "Frust auf Schalke" lautet die Schlagzeile, die ist auch nicht zu übersehen. Und sie frustet Schalkes-Teamchef Marc Wilmots mehr als ihm lieb ist, mehr als er selbst zugeben mag. Jetzt müsse Assauer eingreifen, fordert das Fußball-Fachblatt dann auch noch, nachdem es einen schweren Konflikt zwischen Schalkes Mittelfeldstrategen Andreas Möller und dessen ehemaligen Mitspieler und heutigem Coach Wilmots ausgemacht haben will.

Alles halb so wild, wiegelt Wilmots ab. "Andy und ich haben uns schon längst ausgesprochen", stellt er fest. Trotzdem: Solche Nachrichten schwächen die Autorität des Trainers - das weiß auch Wilmots. Dabei wollte der 34-Jährige Belgier doch nur helfen. "Willy, das Kampfschwein", wie ihn die Schalke Fans liebevoll nennen, kam in der Stunde der Not, als Manager Rudi Assauer die Notbremse zog und das Trainerexperiment mit Frank Neubarth beendete.

Mit viel Vorschusslorbeeren bedacht, stellte sich mit Wilmots auf Schalke zunächst wieder der sportliche Erfolg ein. "Die Mannschaft hatte kein Selbstvertrauen mehr, als ich sie übernahm", sagt er dem Handelsblatt. Doch der Erfolg auf dem Rasen war nur von kurzer Dauer. Nach einem torlosem Unentschieden in Nürnberg und drei Niederlagen in Folge, die letzte am Sonntag gegen die Kellermannschaft aus Hannover, steht Wilmots mehr denn je in der Schusslinie. Das Saisonziel Uefa-Cup-Platz ist nur noch theoretisch zu erreichen. Manager Assauer steht aber weiter nach außen in Treue fest zu seinem erklärtem Lieblingsspieler: "Wilmots trifft keine Schuld an dem schlechten Abschneiden der Mannschaft."

Wilmots fußballerische Achterbahnfahrt begann nach einer famosen Weltmeisterschaft mit Belgiens Nationalteam in Japan und Südkorea. Trotz dieser sportlichen Höhenflüge fand der Spieler Wilmots danach auf Schalke keinen Tritt mehr. Wegen angeblicher Formschwäche setzte ihn Trainer Neubarth auf die Ersatzbank, ein Platz auf dem es ein Wilmots noch nie lange ausgehalten hat. "Ab diesem Zeitpunkt war für mich klar, dass ich mir meine Karriere nicht so kaputtmachen lasse", so Wilmots Blick zurück im Zorn.

Dann kam ein Steilpass aus der Politik. Belgiens Außenminister und Vorsitzender der liberalen Reformpartei Mouvement Reformateur (MR), Louis Michel, seit längerem mit dem Landwirtssohn aus dem belgischen Dongelberg befreundet, überzeugte ihn, für den belgischen Senat auf der Liste der MR zu kandidieren. Auf dem Listenplatz vier dürfte es für Wilmots bei der Wahl am Sonntag problemlos in den Senat einziehen. "Sport und Jugend" sind die Themen, denen sich Wilmots in der zweiten Kammer widmen will.

Doch dieses Gremium hat nur eine beratende Funktion. So kam Belgiens Premierminister Guy Verhofstadt schon einmal auf die Idee, es ganz abzuschaffen. Wilmots ficht das nicht an. Seine Themen will er im Senat mit bekannten Offensivgeist vertreten. "Unsere Jugend hat sportlich nichts mehr drauf. Kein Wunder bei nur einer Stunde Schulsport in der Woche", hat er festgestellt. Das will er ändern. Erste Erfolge haben sich schon eingestellt. "Seid wir das Thema aufgegriffen haben, kümmern sich jetzt alle andere Parteien auch darum", freut sich der Schalke-Coach. Seine Überzeugung: Mehr Sport, gleich weniger Probleme mit Jugendlichen. "Jeden Euro, den wir in Sportprojekte investieren, bekommen wir am Ende dreifach zurück", glaubt Wilmots.

Ärgerlich nur, dass die Öffentlichkeit solche Initiativen nicht entsprechend würdigt. "Als wir kürzlich unser Projekt auf einer Pressekonferenz in Brüssel vorstellen wollten, kam kein Mensch", zeigt sich der zweifache Familienvater sichtlich überrascht. Doch Wilmots nimmt solche Unannehmlichkeiten des Politikerlebens mit Humor. "Beim nächsten Mal wählen wir für unsere Pressekonferenzen ein besseres Restaurant aus", scherzt er. Wenn es aber um den Irak-Krieg geht, ist er nicht zu Scherzen aufgelegt. Der Schalke-Coach, der sich der belgischen "Rechten" zurechnet, zeigt kein Verständnis für US-Präsident Bush. "Diplomatisch ist nicht alles unternommen worden, um diesen Krieg zu verhindern", kritisiert Wilmots und fragt sich auch, ob der Krieg nicht nur wegen des Öls geführt wurde.

Die Weltpolitik interessiert zurzeit auf Schalke weniger. Viel wichtiger ist für die Fans die Frage: Bleibt Wilmots, geht er oder muss er gar gehen? Die Frage will der Coach noch nicht beantworten - erst am 24.Mai, dem letzten Saison-Spieltag, gibt er seine Entscheidung bekannt. Im Handelsblatt-Gespräch lässt Wilmots schon durchblicken wie die ausfällt: "Kein Mensch ist so wichtig, dass er unentbehrlich ist. Auch wenn ich gehe, Schalke wird weiterleben."

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