Ergonomisch angepasste Arabeitsplätze sind selten
Den Rücken krumm gearbeitet

Im Büro herrscht schlechte Luft", klagt ein Leser im Online-Portal yahoo.de. "Das stört die Konzentrationsfähigkeit." Bei netdoktor.de erzählt eine Ratsuchende, dass sie bei der Arbeit sieben Stunden täglich auf den Bildschirm starrt. "Vor zwei Jahren habe ich noch sehr gut auf beiden Augen gesehen. Jetzt aber brennt mein linkes Auge fast den ganzen Tag (auch wenn ich nicht mehr vor dem Computer sitze)."

Andere Hilfesuchende haben Schmerzen im Genick, leiden unter tauben Fingern oder berichten über Bandscheibenvorfälle. Ein Blick auf die Beratungsgespräche zwischen Online-Gesundheitsexperten und den Betroffenen macht deutlich: Ergonomische, also auf die Bedürfnisse des Menschen und seine Tätigkeit angepasste Arbeitsplätze sind in vielen Betrieben eine Seltenheit.

Otto-Versand gibt ein gutes Bespiel ab

Wer jemals in einem kleinen Unternehmen, bei einem Einzelhändler oder einer Autowerkstatt, um die Ecke gelinst und den Arbeitsplatz in der Verwaltung gesehen hat, ahnt auch, was die Probleme mitauslöst: wacklige Stühle, uralte Holzschreibtische, flimmernde Monitore. Dass es auch anders geht, beweisen Unternehmen wie der Otto-Versand in Hamburg: Sanftes Licht flutet durch das Großraumbüro, die Schreibtische lassen sich in der Höhe verstellen, die Stühle sind dem Rücken angepasst. Rund 5 000 Angestellte arbeiten an flimmerfreien Flachbildschirmen. Bei ihrer Einstellung ließ sie das Unternehmen ärztlich untersuchen und über ergonomisches Arbeiten informieren.

Die Hauszeitschrift berichtet laufend, über das Thema. Wer will, kann Seminare ("Rückenschule") und Veranstaltungen ("Fitness-Tag") besuchen. Selbst die Arbeitsabläufe hat Otto soweit wie möglich ergonomisch ausgerichtet. "Wir lockern zum Beispiel in den Call-Centern die Arbeiten am Bildschirm mit anderen Aufgaben auf", sagt Karsten von Rabenau, Leiter des Otto-Gesundheitsmanagements. "Jeder macht zwischendurch auch mal etwas anderes - im Katalog recherchieren, fotokopieren oder ähnliches." Otto habe in Ergonomie investiert, um seiner Fürsorgepflicht nachzukommen und die Leistung zu fördern, resümiert von Rabenau.

Theoretisch müssten alle Bildschirmarbeitsplätze in Deutschland, egal ob in der Schreinerei oder beim Versand, einem ergonomischen Mindeststandard entsprechen. Seit dem ersten Januar dieses Jahres sind alle Unternehmen dazu verpflichtet, die Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV) zu erfüllen. Sie schreibt unter anderem vor:

- flimmerfreie, kontrastreiche Monitore
- strahlungsarme elektrische Geräte
- ergonomische Bürostühle, möglichst blendfreie Beleuchtung
- das Angebot regelmäßiger Augenuntersuchungen.

Umgehen rechtlicher Bestimmung zieht Bußgeld nach sich

Wenn ein Unternehmen die Bestimmungen umgeht, kann der Staat Bußgelder verhängen. Wer etwa keine Augenuntersuchungen anbietet, zahlt bis zu 5 000 Euro; Verstöße gegen das Arbeitsschutzgesetz, das mit der BildscharbV teilweise juristisch verklammert ist, schlagen mit bis zu 25 000 Euro zu Buche. Dennoch entsprechen laut Schätzung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 30 bis 50 Prozent aller PC-Arbeitsplätze noch nicht der Verordnung. Zwar haben die Industrie und die großen Dienstleistungsunternehmen oft sogar über Soll in Ergonomie investiert. Aber in den kleineren, mittelständischen Unternehmen mit weniger als 25 Mitarbeitern sieht es eher düster aus.

"Offensichtlich besteht besonders im Handwerk Unkenntnis der gesetzlichen Vorschriften", schreiben die Autoren einer Studie des Deutschen Büromöbel Forums, die im Januar 2001 insgesamt 609 Unternehmen befragt haben. Kritisch merken die Experten an, dass die säumigen Unternehmen in über 80 Prozent der Fälle noch nicht einmal bereit seien, die Missstände rasch abzustellen. Eine Ursache dafür dürften die laxen Kontrollen durch die Behörden sein. Eine bundesweite Koordination findet nicht statt, und die lokalen Gewerbeaufsichtsämter überprüfen nur selten gezielt ein Unternehmen.

Verstößte gelten zum Teil als Kavaliersdelikt

In Hamburg zum Beispiel inspiziert das Amt PC-Arbeitsplätze nur im Rahmen seiner "allgemeinen Aufgabenwahrnehmung", wie ein Sprecher mitteilt. Stellen die Ämter einen Verstoß fest, fordern sie die Unternehmen lediglich auf, die Mängel zu beseitigen. "Bußgelder sind nur das letzte Mittel", sagt auch Harald Günther, Sprecher des Staatlichen Amtes für Arbeitschutz in Köln. Tatsächlich haben die hanseatischen und die nordrhein-westfälischen Ämter bislang nicht einen einzigen Euro Bußgeld verhängt: Verstöße gegen das BildscharbV gelten offenbar als Kavaliersdelikt. Manch ein Autofahrer mag sich wünschen, Politessen würden eine ähnliche Nachsicht walten lassen.

Da keine Strafen drohen, betrachten viele Unternehmer Ergonomie als überflüssigen Luxus. Immerhin kostet ein ergonomischer Bildschirmarbeitsplatz mit höhenverstellbarem Tisch, moderner Arbeitsleuchte und rückenfreundlichem Stuhl etwa 2 000 Euro. Hinzu kommen eventuell noch Kosten für einen Flachbildschirm, eine ergonomische Maus, Stehpult, Sitzball sowie Honorare für einen Ergonomie-Berater - den Optimierungs- und Investitionsmöglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Gleiches gilt aber auch für die Kosten, die entstehen können, wenn Unternehmer nicht in Ergonomie investieren. So mancher Angestellte hat sich buchstäblich den Rücken krumm gearbeitet.

Spätfolgen sind nicht zu unterschätzen

"Ein Bandscheibenvorfall bedeutet mindestens sechs Wochen Arbeitsausfall", warnt Uta Reiber-Gamp, Sprecherin der Fachgruppe Ergonomie im Zentralverband der Krankengymnasten. Auch langfristige psychische Effekte seien nicht zu unterschätzen: "Demotivation, innere Kündigung, fehlende Erholungsfähigkeit und Gesundheitseinschränkungen sind Energiekiller, die die Leistungsfähigkeit des Mitarbeiters beeinträchtigen - nur lässt sich dies schwer in Euro ausdrücken."

Laut Statistik klagen 25 Prozent aller "Bildschirmarbeiter" über Beschwerden. Perfiderweise haben aber selbst Unternehmen, die die BildscharbV einhalten, oft ein Problem: die mangelnden Kenntnisse der Mitarbeiter über ergonomisches Arbeiten. Diese Feststellung musste Reiber-Gamp nach einer Reihe von Arbeitsplatzanalysen in deutschen Firmen machen. Häufig sitzen Arbeitnehmer auf ergonomischen Stühlen und an höhenverstellbaren Tischen - und haben nicht die geringste Ahnung, wie sie Tisch und Stuhl optimal einstellen können. Auch fehlt es an Phantasie, wie sich das Arbeitsumfeld auflockern lässt, um abwechslungsreiche Bewegungen zu ermöglichen. Dabei sind dies die wichtigsten Vorbeugemaßnahmen gegen Muskel- und Knochenkrankheiten.

"Oft helfen schon kleinere Maßnahmen. Zum Beispiel, indem der Rechtshänder das Telefon nach links stellt - die rechte Hand bleibt frei für das Schreiben, der Hörer wird ohnehin an das linke Ohr geklemmt", sagt Reiber-Gamp. "Der Mitarbeiter sollte zudem den Fußraum entrümpeln, der oft mit Papierkorb und Akten verstellt ist. Dann kann er wieder die Beine ausstrecken." Von zentraler Bedeutung ist ihrer Ansicht nach auch eine blendfreie, möglichst schattenarme Beleuchtung, denn der Mensch setzt sich instinktiv so hin, dass ihn keine Lichtreflexe stören - auch wenn er dabei eine ungesunde, verdrehte Körperhaltung einnimmt. Deswegen ist die 50er-Jahre-Funzel in der Werkstatt genauso unergonomisch wie strahlendes Sonnenlicht, das durch die Bürofenster auf den Schreibtisch knallt.

Auch dieses Problem lässt sich durch Jalousien oder eine Neupositionierung des Arbeitsplatzes vergleichsweise einfach lösen. Der Weg in die BildscharbV-gemäße Legalität ist gar nicht so steinig, wie mancher Mittelständler glauben mag.

Quelle: Handelsblatt

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