Erhebliche Unterschiede in verschiedenen Branchen
Ein ganz besonderes Sparbuch

Mit starren Arbeitszeitregeln kommen die Unternehmen heute nicht weiter. Flexibilität kann vereinbart werden - doch dann sollten sich beide Seiten an die Regeln halten.

Das ist jetzt meine Märchenstunde", erzählt Schwester Anke lächelnd. Die Altenpflegerin aus Münster trägt ihre geleisteten Arbeitszeiten im Dienstplan nach. "Diese Woche waren es wieder zehn Überstunden, dabei habe ich gar nicht alles notiert."

Die 25-Jährige wirkt müde und abgearbeitet. Sie ist seit halb sechs auf den Beinen. Ein 9-Stunden-Tag plus Wochenenddienste. "Ganz normal" sei dies. Doch Freizeitausgleich ist nicht in Sicht. "Wir sind so knapp besetzt, da kann ich mir nicht einfach frei nehmen und die anderen hängen lassen." Immerhin: Zehn Stunden gibt es vom Arbeitgeber als Überstunden bezahlt. Der Rest verfällt. "Deshalb schreib? ich auch gar nicht mehr alle Stunden auf. Ist doch eh für die Tonne."

Die Altenpflegerin aus Münster ist kein Einzelfall: Vor allem in Kleinbetrieben sind häufig weder Ausgleichszeitraum noch Obergrenze von Zeitguthaben vereinbart, dies ergab jetzt die Studie "Arbeits- und Betriebszeiten 2001" des ISO-Instituts in Köln. Danach hat fast jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland mittlerweile ein Arbeitszeitkonto, auf dem Zeitguthaben angespart und später durch Freizeit ausgeglichen werden können.

"Vor allem in kleinen Betrieben geht es sehr informell zu. Es gibt zwar Regeln, aber die werden einfach nicht eingehalten."

Arbeitszeitkonten sind das wichtigste Instrument um Schwankungen des Arbeitsanfalls zu bewältigen. Mit ihrer Hilfe werden Betriebszeiten kostengünstig an die konjunkturellen, saisonalen oder alltäglichen Schwankungen des Arbeitsanfalls angepasst. "Arbeitszeitkonten ersparen den Betrieben in Zeiten der Überauslastung teure Überstundenzuschläge", betont Eva Munz vom ISO.

Arbeitszeitkontenmodelle, die sowohl den betrieblichen Flexibilisierungsinteressen als auch den Interessen der Beschäftigten gerecht werden, setzen klare Regelungen voraus. Sind beispielweise weder Grenzen für Zeitguthaben und-schulden noch ein Ausgleichszeitraum betrieblich festgelegt, so werden Zeitguthaben häufig unter der Hand in bezahlte oder unbezahlte Überstunden umgewandelt.

Aber auch wenn eine Obergrenze vereinbart ist, ist es dennoch häufig betriebliche Praxis, die Zeitguthaben verfallen zu lassen oder auszuzahlen. Eine wichtige Voraussetzung für funktionierende Arbeitszeitmodelle sind nach Ansicht von Munz daher Betriebsräte, die in der Lage sind, mit der Betriebsleitung Lösungen auszuhandeln und auf deren Einhaltung zu achten.

Das ISO-Institut hat aber bei betrieblicher Arbeitszeitgestaltung je nach Branche erhebliche Unterschiede festgestellt. Besonders kritisch sieht es bei Handel, Dienstleistungen und im Gesundheitswesen aus: Die Rund-um-die-Uhr- Gesellschaft sorgt für einen konstanten Überstundenberg. "Hier verfallen die Stunden oft", so Munz. Kappregelung heißt das im Arbeitgeberjargon.

"So etwas wie Kappregelungen sollten die mal mit mir versuchen!" grantelt Guntram Schneider von der IG Metall in Münster. Der Gewerkschafter ist stolz, dass in seinem Gebiet betrieblich vereinbarte Arbeitszeitkonten auch eingehalten werden. "Mehrstunden sind schließlich ein Kredit der Arbeitnehmer ohne Verzinsung." Was empfiehlt der IG Metaller bei Problemfällen? "Erst mal mit der Firma reden. Wenn es nicht anders geht, muss man halt vor Gericht!" Meist mit Erfolg, wie Schneider süffisant erzählt. Ein Gericht hat jüngst entschieden, dass unentgeltlich angenommene Arbeit sittenwidrig ist.

Doch auch der Gewerkschafter weiß, dass ohne flexible Arbeitszeiten heute nichts mehr geht. Schneider: "Laut Tarifvertrag muss das Konto nach zwölf Monaten ausgeglichen sein. Wenn das nicht klappt, ist eine Verlängerung möglich."

Andere Branchen suchen neue Wege. Christiane Flüter-Hoffmann vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln etwa hat als Leiterin des NRW-Projekts Best-Zeit neue Arbeitsmodelle getestet. Ihr Fazit: "Der Trend geht klar zu längerfristigen und eigenverantwortlichen Arbeitszeitkonten."

Ein Beispiel seien etwa sogenannte "Ampel-Konten": Grün heißt hier, dass der Mitarbeiter sein Zeitaufkommen im vereinbarten Zeitraum selbst in den Griff bekommt. Bei Gelb schaltet sich der unmittelbare Vorgesetzte ein und gemeinsam wird eine Lösung gesucht. Wenn die Stunden aber gänzlich aus dem Ruder laufen, ist die Arbeitszeitampel auf Rot. Dann muss sich die Geschäftsführung einschalten. Entweder durch eine Erweiterung des Kontos auf einen längeren Zeitraum, etwa Lebensarbeitszeiten, oder indem man mehr Personal einstellt.

Für Schwester Anke sind Regelungen wie Freizeit oder Ampel-Konten Geschichten von einem anderen Stern. Sie bangt erst einmal auf den kommenden Donnerstag. Dann ist nachmittags Mitarbeiterbesprechung. "Hoffentlich meldet sich keiner krank, denn sonst ist mein freies Wochenende hin."

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