Erhebliches Misstrauen
USA hoffen auf die Nordallianz

Hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Misstrauen stellen die USA ihre Afghanistan-Kriegsstrategie jetzt stärker denn je auf die Nordallianz ab. Nachdem es zunächst darum ging, Luftabwehr, Nachschub und Kommunikation der Taliban möglichst weitgehend lahm zu legen, konzentrieren sich die Amerikaner nun mit aller Macht auf die Frontlinien.

dpa WASHINGTON. Experten sehen in der massiven Bombenoffensive den möglicherweise letzten groß angelegten Versuch vor Beginn des Winters, den Oppositionskräften durch eine Kombination von Luftangriffen und Spezial-Bodenkommandos den Weg nach Masar-i- Scharif und dann Kabul zu ebnen.

Dabei herrscht in der US-Regierung und bei den Topgenerälen offenbar tiefe Unsicherheit darüber, was der Nordallianz militärisch zuzutrauen ist. Trotz Erfolgsmeldungen von Oppositionsführern über angebliche wichtige Gebietsgewinne nahe Masar-i-Scharif hält sich die Enttäuschung darüber, dass die Nordallianz seit Beginn der US- Militäraktion vor vier Wochen offenbar kaum Fortschritte gemacht hat.

"Wir wissen es nicht"

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld selbst gab erst vor wenigen Tagen zu bedenken, dass die Opposition im Norden vielleicht nicht das leiste, was viele von ihr erwartet hätten. Der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Afghanistan-Krieg, Tommy Franks, antwortete kürzlich auf die Frage, ob man der Nordallianz vertrauen könne: "Wir wissen es nicht."

Nachdem sich Vertreter der Nordallianz lange darüber beklagt haben, dass die USA sie nur mangelhaft unterstützten und es ihnen an Waffen fehle, springen die Amerikaner nun mit aller Macht in die Bresche. Neben den Flächenbombardierungen helfen sie den Kämpfern im Norden mit Militärberatern, Munition und warmer Winterausrüstung. "Damit ist der Zeitpunkt gekommen, an dem sie (die Nordallianz) selbst zeigen muss, welchen Teil der Militäraktion sie übernehmen kann und will und was die USA schultern müssen", analysierte ein US- General die Lage.

Zumindest etwas mehr Klarheit wird bereits in den nächsten Tagen erwartet. "Dann müssen die massiven Bombenangriffe der USA von der Nordallianz zumindest in gewissem Umfang genutzt worden sein", heißt es in Pentagon-Kreisen. Viele Militärexperten glauben, dass der Nordallianz bis zum Anbruch des tiefen Winters allenfalls begrenzte Fortschritte wie einige territoriale Gewinne rund um Masar-i-Scharif gelingen. Das würde aber immerhin ihre Ausgangsposition für eine Frühjahrsoffensive verbessern. Die USA, so heißt es, könnten die harsche Jahreszeit dazu nutzen, die Oppositionskräfte für den entscheidenden Kampf zu rüsten und zu trainieren.

Größer angelegte Bodenoffensive

Bleiben auch die begrenzten Erfolge aus, dann müssten die USA wahrscheinlich eine eigene größer angelegte Bodenoffensive in Afghanistan ins Auge fassen - worum sich sowohl Rumsfeld als auch die Topgeneräle bisher absolut nicht reißen. Der Verteidigungsminister und Generalstabschef Richard Myers haben zwar einen umfassenden Kampfeinsatz am Boden nicht ausgeschlossen, hoffen aber, dass sie dies vermeiden können. Nicht verhindern konnten sie, dass bereits eine heftige Debatte in den USA über die Notwendigkeit von umfangreichen Bodentruppen in Afghanistan eingesetzt hat.

Noch aber hoffen die USA auf die Nordallianz und darauf, dass etwaige Siege dieser Oppositionskräfte auch dann die Paschtunen und andere ethnische Gruppen im Süden zum Kampf gegen die Taliban ermutigen werden. Dabei räumt das US-Militär ein, dass es ein Grundproblem hat: die Verifizierung von Angaben über Erfolge und Misserfolge. Nach Angaben eines hochrangigen Offiziers traut man dabei auch der Nordallianz nicht über den Weg. Tatsächlich haben US- Vertreter in der Region den Eindruck gewonnen, dass die Allianz bei ihren Erfolgsmeldungen praktisch ständig schönfärbt, was die militärische Planung erschwere.

Aufgekommen ist auch der Verdacht, dass manche Oppositionsführer den USA absichtlich falsche Informationen über Taliban-Ziele geben - in der Hoffnung, dass die Bomben die Quartiere von Rivalen innerhalb der Allianz treffen.

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