Erhoffte Signal der Stärke blieb erneut aus
Der Meister wankt weiter

Die geballte Wucht hatte ihn getroffen, Oliver Kahn taumelte. Sammy Kuffour war gegen den eigenen Torwart gerauscht in den späten Wirren der Münchner Abwehrschlacht, als sich die Bayern längst ohne Taktik gegen die Angriffswut des RSC Anderlecht stemmten.

HB. Der Torwart, dieses Symbol menschgewordener Gewalt, stolperte also im Fünfmeterraum umher, scheinbar ohne Orientierung, er sank auf die Knie und stützte sich auf die Fäuste. Es hätte ins Bild gepasst, wenn Schiedsrichter Kim Milton Nielsen zu Kahn geschritten wäre und ihn angezählt hätte. Doch es kam anders an diesem Abend, die Geschichte von Oliver Kahn war die Kurzfassung der Geschichte des Spiels: Die Bayern wankten, aber sie gingen nicht k.o. Wenige Minuten nach seinem Sturz warf Kahn sich einem Geschoss von Oleg Iachtchouk in die Flugbahn und rettete das 1:0 für sein Team. Bayern im Achtelfinale, knapp nach Punkten.

Die Münchner haben also das Schlimmste abgewendet. Auch im prestigereichsten Wettbewerb hat die Mannschaft wie schon zuvor in Pokal und Meisterschaft alle Chancen gewahrt, und doch half der Zittersieg kaum bei der seit Wochen angestrengten Selbstfindung. "Mit Fußball hatte das in der zweiten Halbzeit nichts zu tun", zürnte Präsident Franz Beckenbauer, nachdem die Münchner die Kontrolle über das Spiel kurz nach der Pause scheinbar freiwillig an den Gegner abgetreten hatten.

Das erhoffte Signal der Stärke an die europäische Konkurrenz blieb also erneut aus. Trotz des kollektiven Bemühens war die Verunsicherung schon in der ersten Halbzeit zu spüren, neuerdings selbst bei erfahrenen Leuten wie Bixente Lizarazu, der bisher als eines der Relikte der Siegertypen-Generation galt. Drei Ballverluste unterliefen allein ihm, binnen einer Viertelstunde. In der zweiten Halbzeit dann "war die ganze Mannschaft nervös", bestätigte Thomas Linke. Ottmar Hitzfeld hatte eine durchaus schlüssige Erklärung dafür: "Jeder hatte im Hinterkopf: ein Fehler, und ich bin schuld, dass wir ausscheiden", sagte der Trainer. Seine Schlussfolgerung dagegen muss er auf andere Erkenntnisse gestützt haben als jene, die es Mittwoch zu gewinnen gab. "Ich glaube schon, dass wir in der Champions League noch einiges erreichen können", sagte Hitzfeld tapfer, "man darf nicht das heutige Spiel zum Maßstab nehmen." Das sollten die Bayern schon deshalb nicht, weil der nächste Gegner eine andere Gewichtsklasse haben wird als Anderlecht.

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