Erholung an den Aktienbörsen führt zu einer Umkehr der Kapitalströme
Dem Renditerutsch folgt ein kräftiger Zinsaufschwung

Der steile Zinsrutsch hat ein jähes Ende gefunden. Der Bund-Future - die Richtschnur für den aktuellen Zinstrend an den Staatsanleihemärkten der Euro-Zone - sackte im September-Kontrakt an der Eurex um 116 Basispunkte auf zeitweise 110,37 ab.

FRANKFURT/M. Die Rendite zehnjähriger Euro-Staatsanleihen schoss bis Donnerstag Nachmittag kräftig auf 4,59 (nach 4,46) % in die Höhe. US-Treasuries mit gleicher Laufzeit rentierten mit 4,19 (nach 4,11) %. Am Vortag war dieser Zins zeitweise unter die 4 %-Marke auf das niedrigste Niveau seit 40 Jahren abgesackt.

Ein Grund für die scharfe Zinswende war erneut an den Aktienbörsen zu suchen. Denn starke Aktienkurse scheinen in diesen Tagen schwache Anleihenkurse zu bedingen. So auch am Donnerstag, als die kräftige Erholung der Börsen neues Kapital in Aktien lockte, das sich Anleger durch den Verkauf von Anleihen beschafften. Dies fiel den Anlegern auch deshalb leichter, da die stark gesunkenen Anleihezinsen wenig attraktiv sind. "Portfolio-Manager brauchen stichhaltige Gründe, Anleihen bei Renditen von 4 % gegenüber Aktien überzugewichten", sagt Thomas Weidmann von der Helaba. Wegen des Feiertags in vielen Ländern verlief der Handel an Europas Bondmärkten ruhig. "Sollten die in dieser Woche noch anstehenden Wirtschaftsdaten negativer als erwartet ausfallen, wird dies die Bondmärkte belasten und Staatsanleihen wieder in den Mittelpunkt des Anleger-Interesses rücken", sagt Lothar Hessler von HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Auch die in den USA vorgelegten Konjunkturdaten waren ein Grund für den Zinsanstieg. Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stiegen zwar überraschend deutlich, was auf eine anhaltende Konjunkturschwäche hindeutet. Doch stieg die US-Industrieproduktion im Juli auf der anderen Seite stärker als erwartet um 0,2 %. Die Kapazitätsauslastung lag unverändert bei 76,1 %. Die Sorge vor einer Ausweitung des europäischen Budgetdefizits bleibt nach Meinung von Sanjit Maitra, Global Head of Research bei der WestLB, ohne Auswirkungen auf die großen Staatsanleihemärkte. Die Finanzierung der Defizite stelle im derzeitigen Umfeld kein Problem dar. "Die Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung durch die EZB bis Ende 2002 liegt noch unter dem für die US-Notenbank geltenden Wert von 30 %", sagt Maitra.

Nicht ganz so stark ausgeprägt wie am Markt für Staatspapiere waren die Kursverluste bei den Unternehmensanleihen. "Wir sehen in ausgewählten Papieren vereinzelt Schnäppchenjäger auf der Käuferseite im Markt", berichtete der Händler einer britischen Bank. Wegen des Feiertags sei das Geschäft allerdings sehr ruhig verlaufen. Deutlich schwächer tendierten weiterhin die Bonds von Vivendi Universal. Das Unternehmen hatte am Vortag einen hohen Verlust ausgewiesen und war daraufhin von den Ratingagenturen nach unten gestuft worden.

Auch das Emissionsgeschäft verlief ruhig. Die niederländische BNG legte über die Royal Bank of Scotland einen Bond im Volumen von 100 Mill. Pfund auf. Die HVB Real Estate Bank kam über die Commerzbank mit einem Bond im Volumen von 250 Mill. . Die Begebung einer weiteren Anleihe hat Russlands Gazprom angekündigt. Der Erdgasproduzent hatte bereits im April über die Emissionshäuser SSSB und CSFB eine Anleihe in Höhe 500 Mill. $ mit einem Kupon von 91/8 % platziert. Berichten russischer Banken zufolge will Gazprom demnächst eine Anleihe über 750 Mill. $ bringen.

Am Markt für Emerging Market-Bonds kam es zu Kurssteigerungen. Grund: Die staatliche brasilianische Entwicklungsbank kündigte die Auflegung eines Exportkredit-Programms über 1 Mrd. $ an. Diese Nachricht löste Kaufinteresse in Brasilien-Bonds aus. Türkei-Anleihen legten zu, nachdem über eine Annäherung der türkischen Linksparteien im Vorfeld der für den November angesetzten Parlamentswahlen berichtet wurde.

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