Erkennen und Wiedererkennen,
Marke als Ersatzreligion

Marketing-Mann Michael Paul gründete an seinem Geburtstag das virtuelle Markenmuseum. Erfahrungen mit Markenprodukten sammelte er in Agenturen wie Springer & Jacoby in Hamburg und Grey in Düsseldorf.

Gleich beim Buchstaben A liest man sich fest: Es war das Jahr 1925, als der Kaufmann Theodor Beltl mit Natron, Weinsäure und Flüssigkeit hantierte. Das Ergebnis: aufschäumende Freude, ein "herrlich prickelndes Volksgetränk", die billige Ahoj-Brause. Immer noch werden davon 100 Millionen Tüten im Jahr abgefüllt. Das Pulver, für das heute Hape Kerkeling wirbt, ist längst wieder Kult. Inzwischen wird es jedoch nicht mehr, wie in den 50er-Jahren, der ersten Freundin aus dem bespuckten Bauchnabel geleckt, sondern Discogänger kippen es sich in den Wodka.

Fast alles über das prickelnde Produkt findet man im ersten virtuellen Markenmuseum, eine Einrichtung, bei der man sich fragt, warum es die erst seit diesem Sommer gibt. Wo sonst konnte man vorher auf einen Klick erfahren, warum die hundert Jahre alte Werbe-Amphibie, die auf den ersten Dosen der meistverkauften deutschen Schuhcreme wie ein tranfunzeliger Schlechtwetterfrosch schmollte, ab 1962 plötzlich lächelte. Und dass Erdal abgeleitet ist vom Firmensitz Erthalstraße - auf Mainzerisch, versteht sich. Der Markenname erfüllt zudem eine Voraussetzung für grenzüberschreitenden Erfolg: Er lässt sich locker in allen Sprachen aussprechen. Mainz wie es blinkt und lacht.

Macher des Markenmuseums ist Michael Paul, ein alter Hase im Marketinggeschäft. Erfahrungen mit Markenprodukten sammelte er in Agenturen wie Springer & Jacoby in Hamburg und Grey in Düsseldorf. Dort beschäftigte er sich schwerpunktmäßig mit dem Aufbau und der Pflege von Marken. Heute hat er seine eigene Company, die Marketing Pilots im norddeutschen 5 000-Seelen-Sitz Lamstedt.

Dessen Bürgermeister freut sich, dass sein Örtchen nun ein Museum hat, das weder eine Immobilie noch Zuschüsse braucht und trotzdem den Bekanntheitsgrad von Lamstedt puscht. Damit die neue Institution aber nicht nur im Netz, sondern auch vor Ort besucht wird, gab?s im September eine Ausstellung mit mehr als 100 Exponaten aus der guten alten Markenwelt. Überhaupt soll das virtuelle Museum immer wieder durch Ausstellungen, Vorträge, Workshops und Seminare ergänzt werden.

Paul selbst in ein begeisterter Sammler: "Glücklicherweise habe ich einen großen Keller." Stolz präsentiert er eine alte, volle Dose Klosterfrau-Aktiv-Puder, von der sich Charles Wilp wohl seinerzeit die Nonnen für seinen Afri-Cola-Rausch geklaut hat. Wrigley?s Kaugummipäckchen haben sich im Lauf der Jahrzehnte kaum verändert - nur ihr Inhalt dürfte inzwischen versteinert sein.

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