Ermitlungen gehen weiter
Kein Fremdverschulden bei Möllemann-Absturz

Nach der Überprüfung des Fallschirms und der Obduktion ist weiter unklar, ob sich der frühere FDP-Spitzenpolitiker Jürgen Möllemann bei seinem Fallschirmabsturz das Leben genommen hat oder verunglückt ist.

rtr/dpa DÜSSELDORF. Polizei und Staatsanwaltschaft Recklinghausen teilten am Freitag mit, ein Gutachten habe eindeutig ergeben, dass der Haupt-Fallschirm keine Mängel gehabt habe. Der Reserveschirm sei nicht per Hand ausgelöst worden. Noch sei aber nicht geklärt, warum sich der der Hauptschirm nach dem Absprung in etwa 1000 Metern Höhe von Möllemann gelöst habe. "Ein Fremdverschulden ist damit ausgeräumt", ergänzte ein Sprecher der Polizei. "Jetzt bleiben als Todesursache nur noch ein Unglücksfall oder Suizid".

Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Essen bereits bekannt gegeben, dass Möllemann bei dem tödlichen Sprung nicht unter Alkohol- oder Tabletteneinfluss stand. "Der toxikologische Befund ist absolut negativ", sagte der Essener Oberstaatsanwalt Wolfgang Reinicke. Nach der Obduktion sei Möllemann nach seinem Sprung mit etwa 200 Kilometern pro Stunde auf den Boden aufgeschlagen. Sein Schädel sei zertrümmert und alle lebenswichtigen Organe zerstört worden.

Ein Staatstrauerakt, den der Bundespräsident in der Regel für die Spitzen der Verfassungsorgane oder im Ausnahmefall auf Anregung von Beteiligten anordnet, steht nach Angaben des Präsidialamtes derzeit nicht zur Debatte. Bislang habe keiner diesen Wunsch an Johannes Rau herangetragen, sagte ein Sprecher. Möllemann hatte dem Kabinett unter Helmut Kohl (CDU) als Vizekanzler, Wirtschafts- und Bildungsminister angehört. Während des Bundestagswahlkampfes im vorigen Jahr hatte sich der umstrittenen Politiker mit der FDP-Spitze entzweit. Nach Bundestagsangaben wird für den Verstorbenen ein FDP-Abgeordneter ins Plenum nachrücken, obwohl Möllemann aus der Fraktion ausgeschlossen worden und aus der Partei ausgetreten war.

Staatsanwaltschaft hat noch keine Klarheit

Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor erklärt, es könne noch Tage oder Wochen dauern, bis man die Todesursache endgültig geklärt habe. Ein Experte der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung sagte, der Hergang des Sprungs werde anhand von Zeugenaussagen analysiert. Ein fachkundiger Augenzeuge hatte kurz nach dem Absturz Möllemanns von einem "klaren Selbstmord" gesprochen. Möllemann habe seinen Hauptfallschirm in rund 600 Metern Höhe ausgeklinkt, aber nicht den Notfallschirm gezogen.

Der FDP-Ehrenvorsitzende und politische Ziehvater Möllemanns, Hans-Dietrich Genscher, geht nicht von einem Selbstmord aus. "Mir will das aber nicht recht in das Bild passen, das ich von Jürgen Möllemann habe", sagte Genscher im Deutschlandfunk. Möllemann sei eine Kämpfernatur gewesen. "Wenn er einen Rückschlag erlitten hat - und das ist nicht nur einmal geschehen - dann hat er wieder angefangen, hat neu begonnen."

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Steuerhinterziehung

Der Bundestag hatte am Donnerstagmittag die Immunität des 57-Jährigen aufgehoben. Kurz danach hatte ein Großaufgebot von Polizei und Staatsanwaltschaft in einem breit angelegten Einsatz Wohn- und Büroräume Möllemanns durchsucht. Kurze Zeit nach Beginn der Aktion war Möllemann in den Tod gesprungen. Die Staatsanwaltschaften in Düsseldorf und Münster hatten gegen Möllemann wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung, Betrugs und Spendenverschleierung ermittelt. Möllemann wurde vorgeworfen, die Finanzierung eines israel-feindlichen Wahlkampf-Flugblatts verschleiert und Unregelmäßigkeiten bei der Finanzierung der NRW-FDP mitverantwortet zu haben.

Ein Sprecher der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft sagte, es werde unvermindert gegen den früheren FDP-Geschäftsführer in NRW, Hans-Joachim Kuhl, sowie vier andere Beschuldigte ermittelt. Bei den Durchsuchungen von Wohn- und Büroräumen sei Material beschlagnahmt worden, die Auswertung werde aber mehrere Wochen dauern. Die Ermittler hatten zusammen mit der Staatsanwaltschaft Münster Räume von Möllemann und den fünf übrigen Beschuldigten an insgesamt 25 Stellen in 13 Orten in Deutschland, Luxemburg, Spanien und Liechtenstein durchsucht.

Die Staatsanwaltschaft Münster, die gegen Möllemann wegen Steuerhinterziehung ermittelt hatte, erklärte, in der Vergangenheit sei mit Möllemann über eine außergerichtliche Einigung verhandelt worden. Im Düsseldorfer Verfahren zeichnete sich indes keine solche Möglichkeit ab.

Bild: Höhere Geldbewegungen in Luxemburg

Auf Möllemanns Konten in Luxemburg hat es nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung (Samstag) wesentlich höhere Geldbewegungen gegeben als bisher bekannt. Möllemann habe zwischen November 1997 und Januar 2000 rund 4,5 Millionen Euro von seinen Luxemburger Konten als Darlehensrückzahlung an die Liechtensteiner Firma Curl AG überwiesen, berichtet das Blatt unter Berufung auf einen Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Düsseldorf. Im gleichen Zeitraum seien 1,9 Millionen Euro an Möllemanns Düsseldorfer Unternehmen Webtec zurückgeflossen.

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