Ermittlung gegen „Geheimkonsulat“
Taliban haben ein breites Netzwerk in Deutschland

Nach den Anschlägen in den USA gerät Deutschland immer mehr in den Fokus der internationalen Terrorfahndung. Amerikanische Zeitungen berichten über Verbindungen der festgenommenen Terroristen nach Deutschland. Die Landeskriminalämter fast aller Bundesländer haben Rasterfahndungen eingeleitet.

brc/mv/eve DÜSSELDORF. In Deutschland soll es ein Netzwerk der Taliban geben, das die afghanischen Fundamentalisten über mehrere Großstädte gespannt haben. "Mir sind Stützpunkte der Radikalislamisten in Frankfurt, Hamburg und München bekannt", sagte der Islamforscher Michael Pohly vom Institut für Iranistik an der Freien Universität Berlin dem Handelsblatt. Während das Bundeskriminalamt (BKA) bestritt, von einer "Botschaft" der Taliban im Frankfurter Bahnhofsviertel zu wissen, erklärte Pohly: "Nicht nur ich weiß seit Jahren von der Existenz der so genannten Botschaft, auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt in diesem Zusammenhang."

Laut Pohly stellten die Taliban in der illegalen "Botschaft" gegen Geldzahlungen beispielsweise Pässe und Geburtsurkunden aus. "Die Einrichtung hatte eine quasi konsularische Funktion. Dort wurden auch viele Pakistani zu Afghanen gemacht." Pohly erklärte, das Auswärtige Amt in Berlin sei von den Taliban unter Druck gesetzt worden, nicht gegen die illegale Botschaft vorzugehen, weil sonst in Afghanistan lebende Deutsche gefährdet würden.

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Die Frankfurter Polizei bestätigte aber, im Bahnhofsviertel habe es "ähnliche Handlungen" gegeben, wie sie in einem Konsulat üblich seien. Nach einem Bericht des Südwestfunks wohnt der selbst ernannte Taliban-Botschafter noch im Frankfurter Stadtteil Eckenheim - nur wenige Häuser von dem Ort entfernt, wo im vergangenen Dezember vier Araber festgenommen worden waren, die dem Terroristennetzwerk Osama Bin Laden zugerechnet werden.

Die deutschen Ermittlungsbehörden gehen bei der Suche nach den Drahtziehern der Terroranschläge in den USA am 11. September inzwischen knapp 6 000 Hinweisen aus der Bevölkerung nach, berichtete die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke-Katrin Scheuten. Bislang war nur von den rund 2 700 Hinweisen die Rede, die das Bundeskriminalamt erhalten hat.

Inzwischen haben nach einer Umfrage des Handelsblatts alle Landeskriminalämter mit Ausnahme des Saarlandes Rasterfahndungen eingeleitet. Die Daten der einzelnen Länder sollen anschließend abgeglichen werden. Zu Ermittlungsergebnissen gab das Bundesinnenministerium keine Auskunft. Bei der Rasterfahndung wird ein Täterprofil erstellt und dieses Muster mit Personendaten öffentlicher Einrichtungen verglichen. Bei möglichen Übereinstimmungen werden die auffälligen Personen polizeilich überprüft.

Ganz oben auf der Fahndungsliste

"Gesucht wird beispielsweise nach Herkunft, hoher Auslandsreisetätigkeit oder Studienfach", erläuterte ein Sprecher des Bayerischen Innenministeriums. So wisse man von den aus Hamburg stammenden Terroristen, dass sie Stadtplanung und Elektrotechnik studiert hatten. In Baden-Württemberg werden Daten von 270 000 Muslimen durch das Raster geschickt. Die Daten kommen aus Einwohnermeldeämtern, Ausländerbehörden, Krankenkassen, Universitäten, Passagierlisten bestimmter Fluggesellschaften und von den Strafverfolgungsbehörden. Erstmalig mit Erfolg eingesetzt wurde die bundesweite Rasterfahndung Ende der siebziger Jahre gegen die RAF. Ganz oben auf der Fahndungsliste des BKA in Wiesbaden stehen zur Zeit der 29-jährige Ramzi Binalshibh und der 26-jährige Said Bahaji.

Einem Bericht der "Washington Post" zufolge sollen deutsche Behörden Beweise für eine Verbindung zwischen den mutmaßlichen Attentätern von New York und dem Extremisten Osama bin Laden besitzen. Der mutmaßliche Flugzeugentführer Mohamed Atta habe in Deutschland Kontakt zu Personen gehabt, die als Helfer Bin Ladens gälten, berichtete die Zeitung unter Berufung auf einen hochrangigen Vertreter der deutschen Justiz.

Der Ägypter Atta und sein Hamburger Kommilitone Marwan al Shehhi hätten Kontakt zu dem Syrer Mamoun Darkazanli gehabt, berichtete die "Washington Post". Der Hamburger Geschäftsmann syrischer Abstammung gehört zu den Einzelpersonen und Firmen, deren Konten US-Präsident George W. Bush vor einigen Tagen wegen mutmaßlicher Verbindungen zu Bin Laden hatte einfrieren lassen.

Darkazanli besitze eine Bankvollmacht über ein deutsches Konto, das auf den Namen eines Mannes laufe, den die US-Ermittler für Bin Ladens Finanzchef hielten, hieß es in dem Zeitungsbericht. "Über Telefonate, Treffen und die gemeinsame Mitgliedschaft in islamischen Vereinigungen hatte Atta in Deutschland Verbindungen zu Einwohnern und Durchreisenden, die als Helfer Bin Ladens verdächtigt werden", zitierte die Zeitung den Justizvertreter.

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe und das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden wollten sich zu dem Zeitungsbericht nicht äußern. Die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke-Katrin Scheuten, erklärte, dass es auch weiterhin kein Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft gegen den in Hamburg ansässigen syrischen Unternehmer Mamoun Darkazanli gebe. Die Hinweise auf dessen angebliche Verbindung mit den Terroranschlägen reichten für die Aufnahme des Verfahrens nicht aus.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%