Ermittlungen in Kabul und Potsdam
Nach Soldaten-Tod: Bundeswehr sucht nach Ursachen

Vier deutsche Soldaten starben innerhalb weniger Stunden, zwei in Kabul, zwei in der Ostsee. Zur Aufklärung der Todesfälle in Kabul hat die Afghanistan-Schutztruppe Ermittlungen angekündigt.

Reuters BERLIN/KABUL. Die Bundeswehr will für die Untersuchung des Vorfalls eine eigene Kommission einsetzen; auch die zuständige Staatsanwaltschaft Potsdam ist eingeschaltet.

Brigadegeneral Carl Hubertus von Butler, der Befehlshaber des deutschen Truppenkontingents, sagte in Kabul, es sei zu klären, warum bei dem Zwischenfall so viele Opfer zu beklagen seien. Es sei aber nicht unbedingt ungewöhnlich, dass so viele Soldaten an der Entschärfung von Raketen beteiligt seien.

Zwei deutsche und drei dänische Soldaten waren am Mittwoch bei dem Versuch getötet worden, zwei Flugabwehrraketen russischer Bauart zu entschärfen. Acht Männer wurden verletzt, darunter fünf Deutsche. Die Verletzten seien am Donnerstagmorgen von Kabul nach Termez in Usbekistan geflogen worden und würden voraussichtlich am späten Nachmittag in Köln eintreffen, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin.

Zwei Marine-Soldaten starben in der Ostsee

Unterdessen kamen am Mittwochabend zwei deutsche Marine-Soldaten während eines NATO-Manövers vor der polnischen Küste ums Leben, als ihr Beiboot kenterte.

Zum Afghanistan-Zwischenfall sagte Butler: "Diese Soldaten von unserem deutschen und dänischen Kontingent hatten trainiert und sich für eine solche Aufgabe vorbereitet und hatten diese Art von Aufgaben seit Wochen erledigt." Die zwei SA-3-Raketen seien bei einem Patrouillengang in Kabul gefunden und zu einem nahen Entschärfungsgelände gebracht worden.

Die Bundeswehr will eine Fachkommission zur Untersuchung einsetzen, die nicht nur aus Militärs bestehen solle, kündigte der Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam, Karl-Henning Kröger an. Die Kommission solle "so bald wie möglich" nach Kabul fliegen. Auch die für solche Fälle zuständige Staatsanwaltschaft Potsdam werde laufend informiert.

Dort hieß es, das in diesen Fälle übliche Todesermittlungsverfahren sei bereits aufgenommen worden. Geklärt werden solle, wie die zwei deutschen Soldaten umgekommen seien, sagte Sprecherin Sigrid Komor. Die Sicherstellung der Leichen und eine Leichenschau seien veranlasst worden.

Der Vorsitzende des Bundeswehr-Verbands, Bernhard Gertz, sagte im ZDF, er erwarte eingehende Untersuchungen des Zwischenfalls in Afghanistan. "Natürlich muss man minutiös nacharbeiten, welche Ursachen dafür wirklich wirksam geworden sind." Gertz brachte zunächst die Staatsanwaltschaft in Koblenz als zuständige Behörde ins Gespräch. Dort wurde aber auf die seit Jahresanfang zuständigen Kollegen in Potsdam verwiesen.

Es handelt sich um den schwersten Zwischenfall bei der von 18 Nationen entsandten Afghanistan-Schutztruppe ISAF, seit sie im Dezember in Kabul die Patrouillen aufnahm. Die Bundeswehr spricht von ihrem schwersten Unfall bei einem Auslandseinsatz.

Der Afghanistan-Einsatz von Bundeswehr-Soldaten wird nach den Worten von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) durch den Unfall, dessen Hintergrund noch unklar ist, nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Auch der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen sagte, trotz der Trauer müsse die Arbeit in Afghanistan weitergehen. "Es ist immer noch wichtig, dass wir zum Kampf gegen den internationalen Terrorismus beitragen."

Der Ablauf, der zur Explosion führte, ist nach Angaben des Generalinspekteurs der Bundeswehr, Harald Kujat, vom Mittwoch noch ungeklärt. Eine oder beide Raketen seien offenbar vorzeitig detoniert. Nach bisherigen Informationen hätten die Soldaten alle Sicherheitsvorschriften bei der Entschärfung eingehalten, sagte Kujat. Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) wollte sich am Donnerstag zu Einzelheiten des Vorfalls äußern.

Gertz sagte, die Kampfmittelbeseitigung in Afghanistan werde von hoch qualifizierten, gut ausgebildeten Spezialkräften vorgenommen, die "in aller Regel auch über eine größere Erfahrung" verfügten. Die betreffende Boden-Luft-Rakete vom Typ SA-3 gehöre seit langem zum Arsenal des früheren Warschauer Paktes und sei "mit Sicherheit kein unbekanntes Objekt" gewesen.

Die Rakete dient der Abwehr von Flugzeugen, Kampfhubschraubern und Marschflugkörpern. Sie hat mit 60 Kilogramm eine besonders hohe Sprengkraft. Die sechs Meter lange Rakete wird von einem Bodengeschütz abgefeuert und hat eine Reichweite von bis zu 18 Kilometern.

Zwei Mitglieder der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" waren am Mittwochabend nach Angaben des Verteidigungsministeriums während eines NATO-Manövers vor der polnischen Küste östlich von Rügen ums Leben gekommen. Aus noch ungeklärtem Grund sei ein Beiboot, das die Soldaten von der britischen Fregatte "HMS Cumberland" zur "Mecklenburg-Vorpommern" bringen sollte, gekentert. Die beiden Soldaten seien trotz rascher Suchaktion so unterkühlt geborgen worden, dass sie trotz sofortiger ärztlicher Behandlung an Bord der "Cumberland" verstorben seien.

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