Erneut schwere Luftangriffe
Bomben auf die Taliban-Front

Die US-Streitkräfte in Afghanistan haben ihre Luftangriffe am Samstag auf Ziele an der Front zwischen den Taliban und der oppositionellen Nordallianz konzentriert. Die Angriffe an der Front 40 Kilometer nordöstlich von Kabul wurden von Truppen vor Ort als die schwersten seit Beginn des Luftkriegs bezeichnet. Zur Bewältigung des Flüchtlingsproblems in Pakistan hat das UN-Flüchlingskommissariat (UNHCR) 15 neue Lager an der Grenze zu Afghanistan errichtet.

Reuters/AFP/dpa/AP KABUL/ISLAMABAD/ WASHINGTON/SAARBRÜCKEN. Unterdessen mehren sich die Stimmen derer, die an der Wirksamkeit der Luftangriffe zur Erreichung der erklärten Kriegsziele zweifeln. Der pakistanische Militärmachthaber Pervez Musharraf warnte am Samstag in einem Interview mit dem US-Sender ABC, der Krieg in Afghanistan könnte sich für die USA und ihre Verbündeten als ein bodenloser Sumpf erweisen. Nahezu drei Wochen unablässiger Luftangriffe hätten es nicht vermocht, die Herrschaft der Taliban über Afghanistan zu erschüttern oder die Nordallianz in die Lage zu versetzen, nennbare Geländegewinne zu erzielen. Auch in den USA sind vorsichtige Töne zu hören. Das Pentagon sei zwar "zufrieden mit dem Verlauf des Feldzugs", sagte Konteradmiral John Stufflebeem. Doch die Militäroperation "Dauerhafte Freiheit" sei "die schwierigste Aufgabe, die sich uns seit dem Zweiten Weltkrieg gestellt hat".

Den ganzen Samstag über bombardierten die US-Flugzeuge in mehreren Angriffswellen Stellungen der Taliban auf der Schomali-Ebene. Soldaten der Nordallianz zählten über 20 Bombenabwürfe. Bereits in der Nacht zum Samstag hatten US-Flugzeuge Ziele in Kabul und in der Nähe des Flughafens der Hauptstadt bombardiert. Offenbar trafen sie dabei ein Munitionslager der Taliban. Nach Angaben eines Arztes starben bei den Angriffen in Kabul zwei Zivilisten. Das Taliban-Regime berichtete auch von Angriffen auf Nischrab und Tagab, rund 50 Kilometer nordöstlich von Kabul. Dabei seien sechs Menschen getötet, zwölf weitere verletzt und 15 Häuser zerstört worden.

Die Truppen der Taliban haben nach eigener Darstellung einen Angriff der Nordallianz auf die strategisch wichtige Stadt Masar-i-Scharif zurückgeschlagen. Fünf gegnerische Kommandeure seien gefangen genommen und hingerichtet worden. Später bestritt jedoch ein Taliban-Sprecher, dass es zu Hinrichtungen gekommen sei. Das US-Verteidigungsministerium bestätigte unterdessen, dass zum zweiten Mal in diesem Monat wieder versehentlich ein Lager des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und ein in der Nähe liegendes Wohngebiet getroffen wurden. Das Lager sei für ein Magazin der Taliban gehalten worden, hieß es. Während eines Angriffs am Donnerstag sei ein Wohngebiet getroffen worden, weil die Bombe ihr Ziel verfehlt habe. Bei Angriffen am Freitagabend wurden auch Tiefflieger eingesetzt. Das internationale Rote Kreuz hat die Bombardierung des IKRK-Lagers beklagt. In dem Lager in Kabul sei ein großer Teil der Lebensmittel und Decken gelagert worden, die das IKRK an die notleidende Bevölkerung verteilen wollte, hieß es in einer Erklärung vom Freitagabend. "Ein großes rotes Kreuz auf weißem Grund war klar auf dem Dach jedes Gebäudes zu erkennen", betonte das IKRK.

Unterdessen begann der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Ruud Lubbers, eine einwöchige Reise durch Flüchtlingsläger in Pakistan. Am Samstag besuchte er ein Lager bei Quetta an der afghanischen Grenze. Lubbers sagte, in den letzten Wochen seien über 150.000 Flüchtlinge aus Afghanistan nach Pakistan gekommen. Diese Zahl werde bald 300.000 erreichen. Zur Bewältigung des Flüchtlingsproblems in Pakistan hat das UN-Flüchlingskommissariat (UNHCR) 15 neue Lager an der Grenze zu Afghanistan errichtet. In den Camps in den Provinzen Belutschistan und North Western Frontier könnten 150.000 Flüchtlinge aufgenommen werden, sagte UNHCR-Sprecher Ron Redmond am Samstag in Quetta. Der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, Kenzo Oshima, nannte die humanitäre Hilfe für rund sechs Millionen bedürftige Afghanen völlig unzureichend. Vor allem im Norden müsse mehr getan werden, um Lebensmittel und andere Hilfsgüter zu den Menschen zu bringen, sagte er vor Journalisten in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe.

Tausende bewaffnete Pakistaner sind Augenzeugenberichten zufolge am Samstag nach Afghanistan aufgebrochen, um die Taliban im Kampf gegen die USA zu unterstützen. Die mit Sturmgewehren ausgerüsteten Anhänger radikaler moslemischer Gruppen aus dem Nordwesten des Landes seien mit Bussen, Pritschenwagen und Autos unterwegs in die afghanische Ost-Provinz Kunar. Sie verfügten auch über Raketenwerfer und Luftabwehrgeschütze. Pakistans Innenminister Moinuddin Haider hatte jüngst angekündigt, jeden Bewaffneten festnehmen zu lassen, der die Grenze nach Afghanistan überschreite. Allerdings sei es schwierig, die 2500 Kilometer lange Grenze zu überwachen.

Im Fall der Milzbrandfälle in den USA gehen die Ermittler nach Presseberichten zunehmend davon aus, dass es sich um das Werk amerikanischer Extremisten handelt. Nichts weise auf eine Verbindung zu Bin Laden und seinem Terrornetzwerk El Kaida hin, zitierte die "Washington Post" mehrere Ermittler. Der Chef der Gesundheitsbehörde CDC, Jeffrey Koplan, zeigte sich zudem davon überzeugt, dass die vielen Anthrax-Verseuchungen in Washington nicht nur von dem einen Brief an Senator Tom Daschle stammen können.

In der SPD gibt es unterdessen wachsende Bedenken gegen den US-Militäreinsatz in Afghanistan. Eine Reihe von Skeptikern fordert ein baldiges Ende der Bombardements und sichtbare Schritte hin zu einer politischen Lösung. Nach dem Vorsitzenden der SPD - Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AfA), Ottmar Schreiner, haben jetzt auch SPD-Fraktionsvize Michael Müller und die saarländische Abgeordnete Gudrun Roos wachsende Bedenken in der SPD - Bundestagsfraktion gegen den US-Militäreinsatz eingeräumt. Michael Müller sagte der "Saarbrücker Zeitung" (Samstag), wenn es nicht gelinge, die Kriegsziele - die Ergreifung Osama Bin Ladens und den Sturz der Taliban - rasch herbeizuführen, stelle sich die Frage, "ob sich der Aufwand noch lohnt".

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