Erneuter Rückschlag für die PDS
PDS Parteichef Bisky geht - eine Lücke bleibt

Mit 18 Jahren überwand er den Stacheldraht zum Osten, wo er sich mehr Chancen erhoffte. Seine Mutter und sein Bruder blieben im Westen, verloren aber nie den Kontakt. "Sie haben das immer verstanden. Sie wussten, er meint das so. Er ist ein Roter." Ohne Gysi und Bisky an der Spitze bankt die Partei nun um den Wiedereinzug in den Bundestag 2002.

dpa BERLIN. Lothar Bisky verlässt die FDP. Als Rückblick würde man sagen, dass Parteichefs dieser Art eher selten sind. Leise, versöhnlich und nicht profilierungssüchtig. Das ist ihm auch als Schwäche ausgelegt worden. Doch das ficht Lothar Bisky wenig an. Verbiegen wollte er sich als Chef der PDS nicht. Nach acht Jahren im "aufregendsten Job Europas" räumt der Professor für Film- und Fernsehwissenschaft an diesem Samstag seinen Stuhl für die 14 Jahre jüngere Gabi Zimmer. Wie Gregor Gysi, der gerade den Fraktionsvorsitz aufgab, sieht Bisky seine Arbeit getan: Die SED-Nachfolgepartei wurde über die Wende gerettet. Jetzt ist die nächste Generation am Zug.

Doch auch Zimmer und Gysis Nachfolger Roland Claus müssen neben der analytischen Arbeit für Renten-, Steuer- und Bildungskonzepte weiter ums Überleben der Partei kämpfen. Denn die PDS ist ohne Bisky und den Medienstar Gysi an der Spitze erst einmal geschwächt. Nach einer jüngsten Umfrage zweifeln selbst in der eigenen Partei etliche am Wiedereinzug in den Bundestag 2002. Bleibt die PDS nicht im Parlament, hat sie bundespolitisch langfristig kaum eine Chance.

Einen inhaltlichen Wechsel wird es nicht geben

Bisky versucht zu beruhigen. Als Gysi und er auf dem - für die Partei katastrophalen - Kongress im April im Münster den Rückzug ankündigten, hätten sie eine "leichte Erschütterung" ausgelöst. "Jetzt hat sich das normalisiert", meint der 59-Jährige. Ein Problem sei nur, die Wähler zu halten, die nicht in der Partei sind und der PDS in erster Linie wegen Gysi und Bisky ihre Stimme gegeben hätten. Klar sei, dass es einen inhaltlichen Wechsel nicht geben werde.

Bisy denkt gerne an den Hungerstreik zurück

Wird Bisky nach seinem negativsten Erlebnis in der PDS befragt, fällt ihm nichts ein. Der Rückschluss, es seien so viele, dass er sich nicht entscheiden kann, ist nicht richtig. Zwar hatte Bisky gerade beim Abschied von Gysi als Fraktionschef mehrfach seinen "Ekel" vor Denunziantentum in der Partei deutlich gemacht. Aber die schönen Erinnerungen überwiegen.

So denkt er am liebsten an den Hungerstreik im Dezember 1994, auch wenn der Hunger schrecklich war. Damals ging es um eine Forderung des Berliner Finanzamtes an die PDS, für das erste Halbjahr 1990 eine Körperschaftsteuer von 67 Mill. DM zu zahlen. Die PDS wäre ruiniert gewesen. Das Berliner Verwaltungsgericht wies die Forderung als unzulässig ab. Da ehemalige SED-Unternehmen zum Altvermögen gehörten, müssten auch daraus resultierende Steuern aus dem Altvermögen und nicht aus dem PDS-Neuvermögen gezahlt werden.

"Ich habe mit Gysi länger zusammen gehungert, als gegessen und gefeiert." Die Solidarität vieler tausend Bürger sei ein schönes Gefühl gewesen. "Ich wusste, wir waren nicht allein." Bisky ist überhaupt ein Mensch, der Alleingänge nicht mag. Auch als Parteichef wollte er immer "Mannschaftslösungen".

Konkurrenzgedanke im Westen zu stark ausgeprägt

Hätte Bisky zwei Wünsche frei gehabt, Errungenschaften der DDR zu sichern, es wären "die Chancengleichheit in der Bildung und die Gleichberechtigung von Frauen" sowie die "vielen Kultureinrichtungen in diesem kleinen Land" gewesen. Wie Frauen und die Kinder nach einer Scheidung in der heutigen Gesellschaft im Regelfall finanziell abrutschten, sei ein "historischer Schritt" zurück.

Am Wesen des Westens stört ihn am meisten die "zu starke Konkurrenz gegeneinander". Es fehle der soziale Zusammenhalt. "Die Leute schieben sich unentwegt lächelnd in den Vordergrund." Sorgen, Schmerzen, Schwächen dürften nicht gezeigt werden. In der DDR sei das anders gewesen. "Hier sympathisiere ich eher mit dem Osten."

Außerhalb der PDS wissen nur wenige, dass Bisky im Westen aufgewachsen ist - als Flüchtlingskind in Schleswig-Holstein. Mit 18 Jahren überwand er den Stacheldraht zum Osten, wo er sich mehr Chancen erhoffte. Seine Mutter und sein Bruder blieben im Westen, verloren aber nie den Kontakt zu ihm. "Sie haben das immer verstanden. Sie wussten, er meint das so. Er ist ein Roter."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%