Ernteeinbußen zu erwarten
In Deutschland werden die Bienen knapp

Imker schlagen Alarm: In Deutschland werden Honigbienen knapp, eine Milbe aus Asien rafft die Bienenvölker dahin. Die fleißigen Bienen sind deshalb bei Dieben sehr begehrt. Dem Bieneninstitut Kirchhain wurden im April allein fünf komplette Bienenvölker gestohlen.

HB/dpa FRANKFURT. Hunderttausende Völker wurden in diesem Winter dahingerafft von "Varroa destructor", einer aus Asien eingeschleppten Milbe. Experten bezeichnen die Verluste als dramatisch - sowohl für die heimische Honigproduktion als auch für die Bestäubung von Feldfrüchten und Obst. Über die Ursachen gibt es unterschiedliche Meinungen: Die Milbe schwäche die Insekten und mache sie anfällig für Krankheiten, meinen die einen. Andere sehen einen Mangel an Blütenpollen in der einförmigen Agrarlandschaft. Die Bienen müssten hungern, die Milbe habe mit ihnen leichtes Spiel.



Diebe waren Imker

Akuter Bienenmangel ist nach Überzeugung von Ralph Büchler, dem Leiter des Bieneninstituts Kirchhain in Mittelhessen, das Motiv für einen Diebstahl vom Institutsgelände Ende April. Fünf komplette Bienenvölker wurden gestohlen. Büchler ist überzeugt, dass der Täter ein Imker war. Er habe jedenfalls Sachkunde gezeigt: "Da hat jemand sehr genau hingesehen, was er mitnimmt." Allein in Hessen sei in diesem Jahr fast jedes dritte Volk abgestorben, sagt Büchler. "Wir sind in einer ganz schwierigen Situation."

Probleme bei der Bestäubung

In anderen Regionen - betroffen sind besonders die östlichen Bundesländer und Nordrhein-Westfalen - starben sogar bis zu 80 Prozent der Bienenvölker. Im Schnitt liegen die Verluste bundesweit nach Darstellung von Christoph Otten von der staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Landwirtschaft in Mayen/Rheinland-Pfalz in diesem Jahr bei 25 bis 30 Prozent. Das sei doppelt so viel wie in anderen Jahren. Lokal könne es zu Problemen bei der Bestäubung kommen, auch Ernteeinbußen seien möglich. Allerdings sei die Honigernte immer abhängig von der Blüte - so gebe es in schlechten Blüh-Jahren schon deshalb weniger Honig.

Die rund 90 000 Imker in Deutschland halten nach Angaben Deutschen Imkerbundes etwa eine Million Bienenvölker. Sie produzieren rund 25 000 Tonnen Honig pro Jahr und decken damit ein Fünftel des Verbrauchs.



Wetterverhältnisse schwächen Bienen

Mit der aus Asien nach Deutschland eingeschleppten Varroa-Milbe müssen die heimischen Bienenvölker schon seit mehr als 25 Jahren leben. Der 1,6 Millimeter kleine Parasit reiste vermutlich 1977 mit einer für Forschungszwecke importierten Biene ein und hat sich inzwischen flächendeckend verbreitet. Er saugt die Bienen aus und vermehrt sich auf der Brut. Über die Bisswunden, die die Milben den Bienen zufügen, können krank machende Viren eindringen. Milbenbefall sei selten allein schuld am Tod eines Volkes, sagt Büchler.

Die hohen Verluste in diesem Jahr erklärt der Experte mit den Wetterverhältnissen im vergangenen Herbst. Die kühle und feuchte Witterung habe die Bienen geschwächt, gleichzeitig habe sich die Milbe stark vermehrt.

Bienenvölker können nicht selbstständig überleben

Ohne Behandlung gibt es keine Hoffnung für die Honigsammler. "Bienenvölker überleben bei uns nicht mehr selbstständig", sagt Büchler. Gegen chemische Mittel seien manche Milben inzwischen resistent, derzeit blieben nur organische Ameisensäure oder Milchsäure. "Sie sind alles andere als eine Wohltat für die Bienen", meint Büchler. Die einzige Lösung ist nach Ansicht der Experten die gezielte Zucht von Bienen, die widerstandsfähig gegen die Milbe sind. Daran wird intensiv gearbeitet, Büchler leitet dazu ein Projekt auf der kroatischen Adria-Insel Unije. Allerdings könne es noch Jahre dauern, bis Varroa-feste Bienen verfügbar sind.

Nahrung für Bienen wird knapp

Für die Imker des ökologisch orientierten Demeter-Anbauverbandes ist die Milbe nicht der Hauptgrund für das Bienensterben. Der Parasit profitiere davon, dass die Insekten so schlecht ernährt seien. Vor allem zur Aufzucht der Brut werde Blütenpollen benötigt, sagt Demeter-Imker Günter Friedmann. Von dieser gehaltvollen Nahrung gebe es aber immer weniger: Wiesen würden in der Regel vor der Blüte gemäht, auf Stilllegungsflächen werde Raps angebaut, der nur im Frühjahr viel Pollen liefere. Danach müssten die Bienen hungern. Folgen seien Mangelerscheinungen und schlechter Allgemeinzustand. Den Milben und Krankheiten hätten die schwachen Bienen nichts mehr entgegenzusetzen.

Inzwischen müssen die deutschen Bienen zusätzlich mit einer neuen Gefahr fertig werden: Erstmals entdeckten die Experten von Büchlers Institut in diesem Frühjahr in Hessen das Kaschmir Bienenvirus (KBV), das zuvor in Mitteleuropa noch nie nachgewiesen worden war. In den Kreisen Wiesbaden und Darmstadt-Dieburg habe es plötzlich massive Verluste ganzer Bienenvölker gegeben. Wenig später sei der Erreger, der in Nordamerika, Australien und Neuseeland verbreitet ist, auch in Baden- Württemberg und Niedersachsen aufgetaucht. Wie weit KBV verbreitet ist, sei derzeit völlig unklar.

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