Ernüchterung an der Börse - Neue Märkte locken abseits von PC und Servern
Kolumne: Linux Freeware erobert das IT-Establishment

Die Linux-World im Silicon Valley demonstrierte in eindrucksvoller Weise, welch breite Unterstützung die aus einer Basisbewegung entstandene "Freeware" Linux inzwischen gewonnen hat. Nun empfiehlt auch das informationstechnologische Beratergremium des US-Präsidenten, Open-Source als Mittel gegen die gefürchtete "Software-Lücke" staatlich zu unterstützen. Weniger rosig sind derzeit indes die Aussichten an der Börse. Erst wenn Linux-Unternehmen profitable Geschäftssysteme entwickeln, werden auch die Investoren zurückkehren. Als besonders interessant gelten mobile Geräte mit Internetzugang.

1991 stellte ein 21-jähriger Informatik-Student der Universität Helsinki folgende Nachricht auf eine Newsgroup-Seite für Hacker: "Hallo da draußen ... Ich bastle an einem kostenlosen Betriebssystem (nur ein Hobby, nichts großes oder professionelles). Ich würde gerne wissen, welche Funktionalitäten die meisten Leute gerne hätten."

Der Student hieß Linus Torvalds . Inzwischen hat sich sein Betriebssystem Linux dank der Mithilfe einer Heerschar freiwilliger Programmierer - mehr als eine Million sollen sich bis jetzt beteiligt haben - zu einer robusten Standardsoftware mit vielfältigen Funktionen entwickelt.

Inzwischen ist die Open-Source-Software längst gesellschaftsfähig geworden. Laut Netcraft nutzten im Juli 2000 von knapp 18,2 Millionen Web Sites 63% als Web Server Software Apache und 36% als Web Server Betriebssystem Linux, während Windows in beiden Kategorien um die 20% rangierte. Damit sind Apache und Linux die erfolgreichsten Open-Source Produkte.

Auf welch' breite Resonanz die einstigen Amateurprogramme stoßen, demonstrierte das IT-Establishment Mitte August 2000 auf der Linux-World-Expo in San Jose im Silicon Valley. Mehr als 150 Aussteller waren präsent. Die Veranstaltung erhielt zunehmend das Flair einer CeBIT oder Comdex. Die Großen der Branche - IBM, Hewlett-Packard, Sun Microsystems, Dell und Compaq - überschlugen sich mit Ankündigungen, Linux voll unterstützen zu wollen. Ausgerechnet IBM, nicht gerade ein Pionier offener Plattformen, präsentierte sich als Vorreiter der Pinguin-Gemeinde.

Michael Dell berichtete in seiner Einführungsrede, dass inzwischen selbst bei Dell zehn Prozent der Server mit Linux ausgeliefert würden. Der Marktdurchschnitt bei Servern liegt angeblich sogar bei 24 %. Das ist immer noch deutlich weniger als bei Microsoft (38 %), bedeutet aber immerhin eine Vervierfachung des Marktanteils innerhalb von nur zwei Jahren. Die Zahl der Applikationen ist binnen Jahresfrist von wenigen hundert auf 2 200 gestiegen. Wichtige neue Standardsprachen, wie z.B. XML - als leistungsfähiges Datenaustauschprotokoll die Basis für Electronic Commerce - unterstützen Linux in vollem Umfang. Und die Benutzerschnittstelle wird mit der GNOME-Suite und KDE deutlich verbessert.

Die brüderliche Umarmung der Basisbewegung Linux durch das Establishment läuft indes nicht ganz reibungsfrei ab. Michell Dell sah sich nach seiner Rede mit mehr Fragen konfrontiert, als ihm lieb sein konnte, die meist reichlich provokativ ausfielen: Wieviele Code-Zeilen denn Dell zu der offenen Linux-SW beigetragen habe, wollte ein Vorwitziger wissen - (die Antwort: keine) - oder "ob es richtig ist, dass Dells Linux-PCs teurer sind als die entsprechenden Windows-Versionen" - (die Antwort: angeblich nicht).

Doch die kritischen Fragen sollten nicht über eines hinwegtäuschen. Die Linux-Bewegung reagiert zunehmend erleichtert auf die breite Unterstützung. Die "David-gegen-Goliath-Stimmung" ist mittlerweile umgeschlagen. Im Gegensatz zu den letzten Linux-World-Konferenzen gab es vom Aktienmarkt nur wenig Erfreuliches zu berichten. Vor sechs und zwölf Monaten hatten die Börsengänge von Red Hat oder Linux VA, die beide am ersten Tag Kursgewinne von mehreren hundert Prozent aufweisen konnten, für Euphorie und Siegerstimmung (natürlich gegenüber Erzrivale, Softwaregigant Microsoft) gesorgt. Die einstmaligen Publikumslieblinge haben mehr als 80 % ihres Börsenwertes eingebüßt, denn die Anleger sind skeptischer geworden, fragen auch mal nach Gewinnen.

Armbanduhr, die Sprache erkennt

Und so tauchen immer wieder Fragen über die Zukunft des Geschäfts mit der Gratissoftware Linux auf. Denn der PC-Desktop Markt ist entgegen aller Unkenrufe noch fest in Microsoft-Hand. Und trotz aller Bemühungen gibt es bei Neuentwicklungen mehrere Linux-Dialekte; die Linux-Standard-Basis (LSB) kommt nur schleppend voran. Diese unterschiedlichen Versionen verdammten beispielsweise Oracle dazu, getrennte Verträge mit Red Hat und SuSE abzuschliessen, um sicherzustellen, dass seine Datenbank auf beiden Systemen läuft.

Doch die Linux-Anhänger haben überzeugende Argumente auf ihrer Seite, und das überzeugendste ist die Zukunft: Die erstaunlich skalierbare Linux-Software wird neben dem angestammten Server-Markt vor allem bei neuen Internetzugangsgeräten, beispielsweise bei Mobiltelefonen oder Set-Top-Boxen für den Fernseher, neue, offene Märkte erobern. Auf der Linux-Expo waren bereits zahlreiche innovative Produkte zu sehen, manche kühn, manche auch schrill. Eine IBM-Gruppe ging sogar so weit, "anziehbare Plattformen" vorzustellen. Erstes Produkt: Der Prototyp einer Linux-Armbanduhr mit Spracherkennung.

Das letzte Wort hat, wie immer, der Käufer. Und den glaubt die Linux-Gemeinde fest auf ihrer Seite. "Der Kauf einer proprietären Microsoft-Plattform ähnelt dem Erwerb eines Autos mit zugeschweißter Motorhaube", sagt die Linux-Fraktion selbstbewusst.

"Reparaturen kann nur der Hersteller vornehmen lassen. Und wenn er sagte, es liege kein Fehler vor, so müsste man dies als Käufer hilflos akzeptieren". Das ist mit dem offenen Linux-Betriebssystem anders. Für Hunderte von Millionen Windows-Nutzer, die mindestens einmal täglich ihren Computer "re-booten" müssen, eine durchaus nachvollziehbare Analogie.

Open Source Programme sollen "Softwarelücke" schließen

Trotzdem kann es nicht schaden, dass die Open-Source Bewegung derzeit zusätzlichen Rückenwind von offizieller Seite erhält. Wie die New York Times in einer Vorabververöffentlichung berichtet, kommt ein Gremium zur Beratung des US-Präsidenten in informationstechnologischen Fragen zu dem Schluss, dass Open-Source Software stattlich gefördert werden sollte, um die allseits gefürchtete "Softwarelücke" zu schließen. Im letzten Jahr wies dasselbe Gremium auf die Gefahr hin, dass die Softwareentwicklung den rasant steigenden Anforderungen - von E-Commerce bis hin zu Atomprogrammen - nicht mehr nachkomme. Als Allheilmittel für die "Softwarelücke" wird Open-Source als eine intrinsisch effizientere Art, Software auch für Nischenanwendungen zu entwickeln, genannt.

Die Grundthese ist nicht unumstritten. "Gute Software wird durch hervorragende Programmierer geschrieben, nicht durch eine Masse von Leuten in Sklavenarbeit" formuliert pointiert Bill Joy, Chefprogrammierer von SUN Microsystems. Ein erfolgreiches Softwareprodukt besteht jedoch nur zu 1% aus Geniestreich und zu 99% aus Debugging und Wartung. Und darin ist Open Source ungeschlagen - selbst proprietäre Software-Unternehmen versuchen, die Internetgemeinde durch kostenlose Betaversionen ("Shareware") dafür zu gewinnnen.

So gut die "Freiheit der Software" auch ins amerikanische Weltbild von den "unbegrenzenten Möglichkeiten" passen mag, die Zerstörung einer 175 Milliarden Dollar Software-Industrie geht vielen dann doch zu weit. Doch auch für dieses Problem haben die US-Amerikaner schon eine Antwort parat: Software werde zunehmend zum Servicegeschäft. Die Idee eines fertigen "Fabrikproduktes" sei ein Relikt aus dem Industriezeitalter.

Linux-fokussierte Unternehmen müssen nun beweisen, dass dieses Dienstleistungsmodell wirklich die erhofften Profite bringt. Dann werden auch die Investoren zurückkehren. Das würde insbesondere das Nürnberger Unternehmen SuSE freuen. Seit Monaten scharrt der Linux-Anbieter vor dem Börsentor mit den Füßen.



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