Ernüchterung in der Startup-Szene der Hauptstadt
Realität in der früheren Internet-Metropole Berlin

Berlin findet sich nach dem schnellen Aufstieg zur Internet-Metropole auf dem harten Boden der Dotgone-Realität wieder - eine kurze Chronik.
  • 0

BERLIN. Frühjahr 2000, kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase: Die Generation @ feiert sich in München, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart und Köln. Besonders heftig haben die Frühlingsgefühle die Hauptstadt erwischt. Rings um die New-Economy-Meile Chausseestraße in Berlin-Mitte pulsiert für einige Monate das Startup-Leben - Currywurst trifft Cyber-Space. Berlin erfindet sich wieder einmal neu, und alle wollen mitmachen.

Szene-Stadt mit Charme

Zu ihnen gehört Christopher Schering, der sich mit vier Freunden nach dem BWL-Studium an der Uni St. Gallen gegen München entscheidet, um in Berlin Kindercampus.de zu gründen, eine interaktive Spielplattform für Kinder im Internet. Obwohl keiner von ihnen vorher in Berlin gelebt hat, kommt für die fünf kein anderer Standort in Frage. "Berlin hat auf Gründer in dieser Zeit einen wahnsinnigen Reiz ausgeübt", sagt Schering, der nach wenigen Monaten zum Sprecher des Berliner Gründernetzwerks Silicon City Club aufsteigt. Dabei gibt es Argumente, die gegen eine Ansiedlung in Berlin sprechen: die schlechte Infrastruktur etwa oder der Mangel an produzierender Industrie. Doch die bewegte Geschichte von "Deutschlands einziger Weltstadt" und der Fall der Mauer symbolisieren den Aufbruch in ein neues Wirtschaftszeitalter. Hamburg ist schick, München teuer - Berlin ist anders.

Netzwerken in Champagnerlaune

Die Macher von Kindercampus zieht es damals in die Hauptstadt: Grund sind neben dem Szenefaktor vor allem die Kontakte zu erfolgreichen Berliner Startups wie Alando oder Datango. Ehemalige Schulkameraden, Bekannte aus dem Hockey-Verein, Ex-Kommilitonen - man kennt sich. Und wer sich noch nicht kennt, hat genügend Gelegenheiten, Kontakte zu knüpfen. Im kleinen Kreis von höchstens 30 auserwählten Gründern, wie beim elitären Silicon City Club, oder bei den Groß-Events des First Tuesday mit bis zu 1 000 Teilnehmern.

Selbst in der Freizeit networkt das Personal der vielen neuen Erfolg&Reich AGs heftig in den hippen Lokalitäten des Neuen Berlin, im "Ciba Mato" oder im "Pan Asia", im "Schwarzen Raben" oder im "103".

"Damals haben wir manchmal gedacht: So muss der Goldrausch in Amerika gewesen sein", erzählt Alexander Samwer, der mit Brüdern und Freunden mit dem spektakulären Verkauf ihres ersten Unternehmens Alando.de an Ebay Berliner Startup-Geschichte geschrieben hat. "Wir haben Netzwerke gegründet, Internet-Beach-Partys auf dem ehemaligen Mauergelände gefeiert. Und hart gearbeitet. Eine Wahnsinnszeit. Für einen Moment schien die deutsche Risikoscheu verflogen zu sein."

Doch dann passiert, was in der Dotcom-Euphorie unmöglich scheint: Der Wind bläst den Gründern plötzlich rauh ins Gesicht. Vorgewarnt durch Anzeichen einer Trendwende in den USA, zeigen sich die Venture-Capital-Gesellschaften auf einmal zugeknöpft. Als das Team von Kindercampus Mitte 2000 die zweite Finanzierungsrunde vorbereitet, reagieren Kapitalgeber bereits skeptisch. Schering und seine Mitstreiter überzeugen trotzdem einen neuen Investor von der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens und seiner mittlerweile 60 Mitarbeiter.

Massiv Kosten senken

Doch als bei Kindercampus im Oktober 2000 der Umsatz einbricht, läuten bei Christopher Schering die Alarmglocken. "Der Druck der VC-Gesellschaften und des Aufsichtsrates wurde auf einmal wahnsinnig hoch", erzählt der 28-Jährige. "Wir mussten die Ausgaben ganz massiv senken." Zuerst die Marketing- und PR-Kosten, irgendwann lassen sich auch Einsparungen beim Personal nicht länger vermeiden.

Während viele Startups noch auf bessere Zeiten hoffen, entlässt Kindercampus ab Dezember 2000 ein Drittel der 60 Mitarbeiter, darunter einige, die das Unternehmen von Anfang an begleitet haben. Andere an der Spree trifft es noch härter. So muss Yellout, eines der Berliner Vorzeige-Startups, im Oktober 2001 Insolvenz anmelden.

Mit den Pleiten und dem freien Fall der Börsenkurse am Neuen Markt lässt auch die Lust der Berliner Gründerszene auf ausgelassene Feiern nach. "Mit einem Schlag war die Unbeschwertheit weg", erinnert sich Schering. Wo vorher mit angestrebten Mitarbeiterzahlen oder Umsatzzielen geprahlt wurde, herrscht immer öfter betretenes Schweigen.

Entsprechend geläutert stellt sich das Berlin der Gründerszene heute dar: Von den etwa 400 Startups, die an den Start gegangen waren, haben nur 20 Prozent überlebt. Ein Unternehmen nach dem anderen hat die großzügigen Lofts entlang der vorher als Silicon Alley betitelten Chausseestraße wieder geräumt. In vielen der ehemaligen New-Economy-Stammkneipen rund um den Hackeschen Markt sieht man wieder mehr Touristen als Startup?ler mit Dotcom-Logo auf dem T-Shirt.

Die wenigen noch regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen der Gründernetzwerke sind kleiner und unspektakulärer geworden. Auch der Silicon City Club hat seine Aktivitäten heruntergefahren. Berlin im Dotcom-Blues. Aus der Traum von der Boomtown Mitte?

Für Jens Hoffmann vom Netzwerk Berlinstartup ist Berlin nach wie vor ein attraktiver Standort für Unternehmensgründungen: "Wer übrig ist, ist solide und gut und bildet eine hervorragende Basis für die Zukunft des Standorts." Und es wachsen schon Unternehmen nach wie der Telefondienstleister Mundwerk, der im Februar 2001 gegründet wurde und sich als Teil einer zweiten Generation von Startups sieht. Inzwischen, so Hoffmann, sei der "ganz große Katzenjammer bei den Gründern" vorbei und wieder Bewegung in der Berliner Szene.

Langer Weg zur One Economy

Die neue Richtung schlägt sich nicht nur in der Zusammensetzung der Aussteller auf der Internet World nieder: Nur noch rund 15 Prozent kommen aus der New Economy. Auch die Kundenportfolios der verbliebenen Dotcoms sehen anders aus als früher: Deutschlands alte Wirtschaft hat die neue eingeholt, und die New Economy geht auf Schmusekurs. Unter dem Motto "Startup meets Real-Life" tauschen sich am Potsdamer Platz einmal pro Monat Entscheidungsträger der Berliner Startup-Szene mit potenziellen Partnern aus der Old Economy aus. Mit vereinten Kräften in Richtung eine Wirtschaft.

Bei Kindercampus macht sich wieder vorsichtiger Optimismus breit. Systematisch hat sich die Crew ein zweites Standbein aufgebaut - eine Internet-Agentur für Kinder-Webseiten und-Sicherheitssoftware. Dank Großaufträgen aus der Old Economy schreibt das Unternehmen seit November 2001 sogar schwarze Zahlen. "In diesem Jahr wollen wir langsam wieder wachsen und drei Mitarbeiter einstellen", blickt Christopher Schering hoffnungsvoll nach vorn.

Und für Alexander Samwer hat das Leben und Arbeiten in einem Dotcom in Berlin trotz Krise nichts von seiner Spannung verloren: "Der Traum vom schnellen Erfolg hat sich als Marathonlauf entpuppt. Natürlich ist das etwas ganz anderes, aber nicht weniger spannend und herausfordernd!"

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter: www.berlinstartup.de

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%