Ernüchterung und Resignation bei den Vereinten Nationen
Die Uno hat keine Stimme mehr

Nach Wochen hektischer Verhandlungen ist im Hauptquartier der Uno eine unheimliche Ruhe eingekehrt. Zwar hat Präsident Bush die Vereinten Nationen am Sonntag nochmals bedrängt, Stellung zu beziehen. Doch am Debakel der Diplomaten ändert das wenig. An eine friedliche Lösung glaubt keiner mehr.

NEW YORK. Das graue, etwas heruntergekommene Hochhaus am East River in New York wirkt an diesem Sonntag noch etwas trister als sonst. Draußen vor den Eingangstoren der Uno an der First Avenue stehen zwar noch die Übertragungswagen der großen Fernsehstationen aus aller Welt. Doch die Scheinwerfer bleiben aus. Die Augen der Weltöffentlichkeit haben sich abgewandt und blicken zum Kriegsgipfel auf die Azoren.

Drinnen, vor dem Sitzungssaal des Weltsicherheitsrats im zweiten Stock, ist es ebenfalls ruhig geworden. Nahezu verlassen sind die Gänge, auf denen in den vergangenen Monaten hektische Diplomatie herrschte. Die meisten Sitzungen wurden abgesagt. Das Mikrofon vor dem blauen Uno-Emblem, durch das die Botschafter und Außenminister ihren Streit ausgetragen haben, ist ausgeschaltet - die Uno hatte am Sonntag keine Stimme mehr.

"Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist", sagt ein Diplomat. Doch seinen Optimismus trägt er mit matter Stimme vor. Die Erschöpfung und Resignation ist überall zu spüren. Viele Diplomaten haben in den vergangenen Wochen fast rund um die Uhr gearbeitet. Am Ende ist es ihnen nicht gelungen, den gordischen Knoten zwischen Gegnern und Befürwortern eines Krieges gegen den Irak zu durchschlagen. Ein letzter Schlichtungsversuch von Chiles Präsident Ricardo Lagos wurde vom Weißen Haus als "non-starter" abgebügelt.

Und nun also sollen die Länder doch noch einmal entscheiden dürfen - beziehungsweise die Pläne der USA billigen. Ob dies am heutigen Montag die Gänge wiederbelebt, ist offen. Denn dann müssten die USA, Großbritannien und Spanien letztlich doch ihren neue Resolutionsentwurf zur Abstimmung stellen - und damit der durchkäme, hätten Russland und Frankreich ihre Veto- Pläne zu revidieren.

Im Vorfeld hatte die Friedensachse Paris-Berlin-Moskau noch einmal versucht, die Entscheidung über Krieg und Frieden an den Tisch der Völkergemeinschaft zurückzuholen. Die Außenminister Frankreichs, Deutschlands und Russlands forderten einen Sondergipfel bei der Uno, um über die weiteren Abrüstungsschritte des Iraks zu beraten - die USA sahen darin jedoch schon vor dem Treffen auf den Azoren keinen Sinn. Geht es nach den Regierungschefs aus den USA, Spanien und Großbritannien, sollen die Länder allenfalls noch einen Krieg absegnen. Dass Hans Blix das Krieger-Trio noch am Sontagabend kritisierte, und der Uno-Chefinspektor erst am Dienstag sein Arbeitsprogramm für die Entwaffnung Iraks vorlegen will, scheint kaum noch zu interessieren. Wie vergiftet das Klima ist, zeigt der Vorwurf, die Kriegsgegner hätten gezielt versucht, die USA im Sicherheitsrat zu isolieren. Zwar wies eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin das als "völlig unzutreffend" zurück. Wer das diplomatische Fingerhakeln der letzten Tage beobachtet hat, weiß jedoch, dass beide Seiten auch zu undiplomatischen Tricks gegriffen haben.

Angesichts der weit auseinander liegenden Positionen waren die Diplomaten bei der Uno schon im Vorfeld skeptisch, ob vom Gipfeltreffen auf den Azoren noch ein Friedenssignal ausgehen werde. "Die Chancen sind sehr, sehr gering", sagte ein Diplomat. Obwohl US-Präsident George W. Bush fast die gesamte Woche am Telefon verbrachte, ist es den USA bislang nicht gelungen, eine Mehrheit von neun Stimmen im Sicherheitsrat zu gewinnen - ein Desaster für die US-Diplomatie. Bitter merkt der "New York Times"-Kolumnist Thomas Friedman an, dass die Azoren vor dem ersten Golfkrieg dem damaligen US-Außenminister James Baker nur als Auftankstation bei seiner diplomatischen Reise um die Welt diente. Heute sind die Azoren zum Symbol für das Scheitern der Diplomatie zu werden.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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