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Erprobte Geschäftsmodelle

Vom Mauerblümchen zum Edelgewächs - so lautete die Erfolgsstory des MDax im vergangenen Jahr. Während der Dax 30 als Index für die hochkapitalisierten Standardwerte um rund 7,5 Prozent nachgab und der Nemax All Share für den Neuem Markt mit einem traurigen Minus von 40 Prozent abschloss, rückte der 70 Aktien umfassende Nebenwerte-Index um fast 14 Prozent vor. Value-Aktien, also Titel mit Substanz aus der "Old Economy", die beispielsweise mit guter Eigenkapitaldecke und solidem Gewinnwachstum aufwarten können, stahlen den vermeintlichen Techno-Stars am Neuen Markt die Schau.

DÜSSELDORF. Aber gibt es 2001 eine Neuauflage der Erfolgsstory? Die Antwort ist ein klares Jein. Im laufenden Jahr sehen die Nebenwerte zwar immer noch ganz gut aus, jedoch können die MDax-Titel in einer ersten Zwischenbilanz keinen Kursgewinn mehr aufweisen - gemessen am Marktbarometer ergibt sich Ende März ein Verlust von 6,6 Prozent. "Der MDax ist von den jüngsten Kursrückgängen an den Börsen auf jeden Fall in Mitleidenschaft gezogen worden, der Index wird nach Gewinnmitnahmen durchsucht", hat Erhard Schmitt, Analyst beim Helaba Trust, beobachtet. Vor allem die zyklischen Titel sind wegen der Konjunkturängste zuletzt zurückgenommen worden. Andere Analysten glauben, dass mit zunehmender Dauer der Misere am Neuen Markt auch die traditionellen Titel unter stärkeren Druck geraten könnten. Denn einige Investoren würden dann nach einem Ausgleich suchen für realisierte Verluste bei den Tech-Titeln. Institutionelle Investoren müssten zudem überdurchschnittliche Ergebnisse darstellen, was nach dem guten Lauf des MDax im vergangenen Jahr zunehmend schwierig werde.

Schmitt vom Helaba Trust und einige seiner Kollegen sind sich jedenfalls einig, dass eine differenzierte Betrachtung im MDax wichtiger denn je ist - denn auch in diesem Bereich sind böse Überraschungen möglich.

Tatsächlich können auch die "defensiven" Nebenwerte ein Depot in einem relativ kurzen Zeitraum komplett zerlegen. Seit Jahresanfang brachen die fünf schlechtesten Aktien aus dem MDax im Mittel um 47,5 Prozent ein. Dabei fiel der Medientitel VCL Film sogar bis in die letzte März-Woche um fast 70 Prozent, der Finanzdienstleister Tecis brachte den Aktionären einen Kursverlust von 49,5 Prozent - Debakel, wie sie die Investoren sonst nur vom Neuen Markt her kennen.

Allerdings, und damit beginnen die Unterschiede zu den TMT-Aktien (Technologie-Medien-Telekommunikation), sind dies echte Ausreißer. Insgesamt gelten die Aktien im MDax nach unten hin als besser abgesichert. Analyst Schmitt beziffert das Rückschlagspotenzial vom gegenwärtigen - schon leicht nach unten korrigierten - Stand auf rund zehn Prozent. Und nach oben sehen die meisten Experten zwar keine spektakulären Überraschungen, einen Kursspielraum von ebenfalls rund zehn Prozent bis zum Jahresende trauen sie dem MDax aber schon zu.

Schaut man sich die Favoritenlisten der Fonds an, so werden immer wieder der Sportwagenhersteller Porsche, die Versicherungskonzerne Ergo und AMB, der Kosmetikproduzent Beiersdorf sowie MLP und Jenoptik aus den Bereichen Finanzdienstleistungen und Technologie genannt. Das dürfte zum Großteil in den Geschäftsmodellen begründet sein. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle, vor allem die relativ hohe Liquidität der Titel. Die angelsächsischen Anlegergruppen meiden nämlich Titel mit geringer Liquidität, weil sie jederzeit zu bestmöglichen Kursen ein- und aussteigen wollen. Außerdem kauft man mit den oben genannten Schwergewichten fast schon den gesamten Index, denn allein Ergo, Beiersdorf, AMB, MLP, Altana, und Heidelberger Druck stehen für über 35 Prozent Gewichtung im MDax.

Aber auch abseits der Schwergewichte reizen einzelne Titel aus der zweiten Reihe. Stefan Müller, Fondsmanager bei Activest, verweist etwa auf die Bekleidungskonzerne Escada ("klassische Restrukturierungsstory") und Boss ("Hinwendung zur Damenmode bringt Kursphantasie"). Beim Helaba Trust setzt man auf den Baukonzern Bilfinger + Berger, wobei auf die Internationalisierung des Geschäfts und die Vermeidung von Verlustbaustellen verwiesen wird. Achillesferse sei das starke Engagement in Australien, das angesichts der dortigen Abschwungs in der Branche einen Risikofaktor darstelle. Bei der WGZ-Bank bleibt die Einschätzung für den Logistikanbieter Stinnes auch nach der jüngsten Analystenveranstaltung auf "Outperformer", das heißt, die Aktie sollte besser abschneiden als der Markt. Dem Unternehmen dürfte es gelingen, bei einem Umsatzanstieg von rund zehn Prozent das Ergebnis vor Steuern und Zinsaufwand um mindestens 25 Prozent zu steigern, lautet die Analyse.

Es gibt also durchaus noch Perlen im MDax zu entdecken, jedoch sollte das Gesamtengagement begrenzt bleiben, denn die Zeit der Value-Aktien könnte ebenso abrupt enden wie vor ziemlich genau einem Jahr die Hausse am Neuen Markt plötzlich verebbte. Ein Fondsmanager gibt zu bedenken, dass mittlerweile sehr viel vagabundierendes "hot money", also spekulative Mittel, im Nebenwerte-Segment geparkt seien. Sollte es wie zu Beginn der Woche Anzeichen für eine Trendwende bei den Technik-Titeln geben, würden diese Gelder rasch in die Wachstumswerte gepumpt. Deshalb empfehle es sich für private Anleger, nicht nur dem Value-Ansatz zu folgen. Diversifizierung ist angebracht. "Man soll keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schließlich groß genug", meinte schon der Philosoph Jean-Paul Sartre.

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