Erste Online-Videothek Deutschlands
Filmriss - Spielfilme aus dem Web

Der Albtraum aller Filmverleiher zwischen Sylt und Passau wurde wahr: Überraschend eröffnete die Telefongesellschaft Arcor jetzt die erste Online-Videothek Deutschlands. Sie liefert rund um die Uhr auf Mausklick bestellte Streifen direkt in die Wohnzimmer vernetzter Kino-Fans. Die zentralen Internet-Rechner mit ihren digitalen Speichersilos in Frankfurt machen Läden voller Videobänder überflüssig. Droht den Verleihern angesichts dieses revolutionären Online-Services nun die Massenpleite?

Gemach, die Wirklichkeit des Online-Kinos entspricht keineswegs den vollmundigen Versprechungen, die Werbestrategen machen. Vorerst leidet die im Fachjargon als Videostreaming bezeichnete Technologie, mit der neben Arcor künftig die großen Hollywood-Produzenten, aber auch T-Online, AOL und Microsoft Kasse machen wollen, noch an einer Reihe von Kinderkrankheiten. Um den herkömmlichen Videotheken tatsächlich den Garaus zu machen, fehlt es zunächst an ausreichend Web-Kundschaft.

Zwar boomt momentan die Nachfrage nach schnellen ADSL-Anschlüssen - unabdingbare Voraussetzung für den Bezug von Online-Videos. Insgesamt sind aber bundesweit allenfalls 2,5 Millionen der Power-Connections installiert. "Doch sogar mit diesem Turbo-Anschluss ist die gebotene Bild- und Tonqualität im Web zahlender Kundschaft nicht zumutbar", dämpft Olivier Carron zu hohe Erwartungen. Der Europa-Chef von Keynote Systems überwacht fortwährend die Internet-Performance und vergibt Zensuren auf einer Skala von Null bis Zehn. Carrons Fazit: "Die Höchstnote für Videostreams übersteigt momentan kaum die Fünf." Betrachter mit ADSL-Anschluss und neuester Browser-Software sehen zwar stetig fließende Bilder, doch die nehmen nur knapp ein Viertel des PC-Monitors ein. Viel öfter sorgen dagegen Verbindungsprobleme und Performance-Defizite im Web für Unmut beim Surfer.

Um solche Stolperfallen möglichst zu vermeiden, schickt Video-Pionier Arcor die verschlüsselten Film-Bits innerhalb Deutschlands soweit wie möglich über eigene dicke Leitungen. Allerdings werden auch bei dieser Lösung die digitalen Datenpakete an speziellen Internet-Knoten an den jeweiligen ADSL-Anschlussbetreiber des Film-Fans übergeben. Herrscht hier Stau, muss der Onliner auf den vollständigen Film-Download schon mal einige Stunden warten. In der Regel soll das Laden eines Spielfilms jedoch nicht länger als 20 bis 40 Minuten dauern. Wobei praktischerweise der Anfang schon geschaut werden kann, bevor der Ladevorgang abgeschlossen ist.

Noch ein Manko trübt das Sehvergnügen: vergleichsweise kleine Monitore, meist auf dem Schreibtisch - dieses Ambiente ist wohl nur etwas für Freaks. Extra-Investitionen von ein paar Hundert Euro in Funkzubehör vorausgesetzt, lässt sich der PC immerhin so tunen, dass er mit dem TV-Schirm drahtlos kooperiert, damit Filme nicht wie im Daumenkino daherkommen. Doch allen Mühen zum Trotz: Aufgrund der notwendigen Daten-Komprimierung ist beim Online-Kino noch nicht mal die von alten Videorekordern gewohnte VHS-Qualität drin.

Wären Internet-Enthusiasten noch bereit, all das zu tolerieren, senken eingefleischte Video-Fans angesichts des dürftigen Film-Sortiments dagegen sofort den Daumen. Richtige Kassenschlager wie "Titanic" oder Klassiker wie "Vom Winde verweht" finden sich derzeit überhaupt nicht in der legalen Web-Videothek, als aktuelle Highlights werden ein paar Werbefilmchen von Harry Potter und Livemitschnitte eines U2-Konzerts gehandelt. Schuld sind fehlende, teure Lizenzen zur Online-Verbreitung der Hollywood-Blockbuster. Einerseits wollen die großen US-Produzenten ihre Werke am liebsten in Eigenregie via Web vermarkten. Andererseits wissen sie, dass selbst der beste Kopierschutz für Online-Streifen zu knacken ist. Die US-Giganten fürchten Massen digitaler Raubkopien im Web und damit ein Millionendesaster, wie es bereits die Musikindustrie mit Hit-Tauschbörsen erlebt hat. Doch für Zaudern bleibt keine Zeit. Entweder Hollywoods eigene legale Download-Angebote gehen an den Start, oder es müssen spezielle Internet-Lizenzen mit innovativen Online- oder TV-Kabelnetzbetreibern à la Arcor geschlossen werden. Denn schon wächst die Zahl der illegal ins Netz gestellten Top-Movies sprunghaft.

Unterdessen beschränkt sich die Auswahl digitaler Filmkonserven beim hessischen Vorreiter gerade mal auf rund 100 zweitklassige Streifen. Der Preis pro Film liegt zwischen 2,50 und 4 Euro. Wer sich den Gang zur Videothek ersparen will, muss ein Guthaben-Konto bei Arcor einrichten und sich per Ausweis registrieren lassen. Ob Lovestory oder Thriller, die Download-Datei auf der Festplatte ist innerhalb von 24 Stunden beliebig oft abspielbar und lässt sich durch erneute Bezahlung wieder frei schalten.

Alles in allem dürfte es das neue Online-Kino als Konkurrent für das traditionelle Heimkino mit dem qualitativ hochgezüchteten Fernsehapparat als Mittelpunkt schwer haben. Zumal TV-Freunden nun noch ein besonderer Komfort winkt: Gerade ist in den USA ein Spezial-Videorekorder auf den Markt gekommen. Das ReplayTV-Modell von Hersteller Sonicblue kann auf seiner Festplatte bis zu 320 Stunden lang TV-Sendungen werbefrei aufzeichnen, während man schon Beiträge davon guckt. Damit hätte sogar das lästige Zappen zwischen den vielen kostenlosen Film-Highlights im deutschen Free-TV ein Ende.

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