Erste Signale für eine Stabilisierung der Konjunktur in Deutschland
Handelsblatt-Frühindikator sinkt auf 1,0 %

Der Handelsblatt- Frühindikator hat ebenso wie das Handelsblatt-Konjunkturbarometer für die neuen Länder im September seine Talfahrt fortgesetzt. Nachfrage und Geschäftsklima im deutschen verarbeitenden Gewerbe zeigen erste Erholungsanzeichen, und im Baugewerbe setzte sich die leichte Besserung fort. Für das Wachstum in diesem Jahr kommt dies aber zu spät. Vorsicht ist auch geboten, weil der Pessimismus in der Investitionsgüterindustrie noch anhält.

HB DÜSSELDORF. Während das Ostbarometer nur leicht von 1,5 % auf 1,4 % nachgab, sank der Frühindikator von 1,3 % im Vormonat auf nur noch 1 %. Dies ist sein niedrigster Wert seit September 1996, also exakt vor fünf Jahren. Damit ist eine Konjunkturerholung im laufenden Jahr noch unwahrscheinlicher geworden.

Für das Gesamtjahr 2001 zeigt der Handelsblatt-Frühindikator jetzt eine zu erwartende Wachstumsrate von 1,3 % für Gesamtdeutschland an, nach 3,0 % im vergangenen Jahr. Damit liegt er eher am oberen Rand des derzeitigen Prognosespektrums der Forschungsinstitute, aber deutlich niedriger als die offizielle Wachstumserwartung der Bundesregierung. Erste Anzeichen deuten allerdings darauf hin, dass es nach der Jahreswende mit der Konjunktur wieder aufwärts gehen könnte.

Die Nachfrage im verarbeitenden Gewerbe ist im Juni wieder deutlich zurückgefallen. Nachdem sie im Mai auf Grund von Sonderfaktoren eine überraschenden Zunahme von gut 4 % gezeigt hatte, brach sie vor allem im Osten nun um so stärker wieder ein (-7,6 %). Im Westen fielen die saisonbereinigten Auftragseingänge zwar etwas weniger stark zurück. In ganz Deutschland waren sie 2,5 % niedriger als im Juni des vergangenen Jahres.

Im zweiten Quartal insgesamt blieb die Nachfrage damit hinter dem Ergebnis des ersten Vierteljahres zurück, am stärksten die Investitionsgüterbestellungen mit einem Minus von 3,6 %. Dies war nicht etwa eine Folge schwächerer Auslandsorders, die gegenüber dem Vorquartal beinahe unverändert hoch blieben. Vielmehr sind in erster Linie die Investitionsgüterbestellungen aus dem Inland rückläufig gewesen (-6,7 %), ein Trend, der sich im Juni noch deutlich verstärkt hat.

Wegen der in einzelnen Monaten oft stark schwankenden Nachfrage gerade in diesem Bereich darf diese Entwicklung zwar nicht überinterpretiert werden. Sollte sich die schwache Investitionsneigung der inländischen Unternehmen in den kommenden Monaten allerdings fortsetzen, so wäre das eine ernste Belastung für die weitere Konjunkturentwicklung. Dagegen hat sich die Nachfrage nach Konsumgütern im zweiten Quartal mit einem Zuwachs von 5,3 % gegenüber dem Vorquartal nun doch endlich als die von vielen erhoffte Konjunkturstütze erwiesen, wenngleich ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau.

Der jüngste Ifo-Konjunkturtest bestätigt im Wesentlichen dieses Bild. Das Geschäftsklima in der Investitionsgüterindustrie hat sich im Juli weiter abgekühlt. Dabei wurden vor allem die künftigen Geschäftsaussichten abermals pessimistischer eingeschätzt als im Vormonat. Dagegen gewinnen in den konsumnahen Zweigen des verarbeitenden Gewerbes allmählich die Optimisten wieder an Gewicht. So hat sich in Ostdeutschland das Geschäftsklima in der Verbrauchsgüter produzierenden Industrie sprunghaft von-3,3 Punkten im Vormonat auf +4,2 Punkte verbessert. Sowohl günstigere Zukunftseinschätzungen als auch eine aktuell verbesserte Geschäftslage trugen dazu bei. Insgesamt hat sich das Ifo-Geschäftsklima in der Industrie im Juli erstmals wieder verbessert: im Westen von-12,4 auf-11,5 Punkte und in den neuen Ländern von-3,6 Punkten auf-0,9 Punkte. Abzuwarten bleibt, inwieweit sich dies in den kommenden Monaten fortsetzen wird. Die sehr unterschiedliche Entwicklung in den einzelnen Industriezweigen und hier insbesondere der ausgeprägte Pessimismus im Investitionsgütergewerbe lassen einige Skepsis angebracht erscheinen. Im Bauhauptgewerbe, seit langem Hauptsorgenkind der Inlandskonjunktur, setzte sich die Erholungstendenz, die Anfang des zweiten Quartals begann, im Juni fort. Die saisonbereinigte Orderzunahme gegenüber dem Vormonat blieb zwar mit gut 1 % im Westen und 2,2 % im Osten weiterhin bescheiden, aber immerhin zeigte der Nachfrageanstieg während der letzten drei Monate in beiden Teilen Deutschlands Kontinuität. Insgesamt konnte so nicht nur das Orderniveau des Vorquartals in Gesamtdeutschland um fast 6 % gesteigert werden, auch das Niveau der vorangegangenen beiden Quartale wurde recht deutlich übertroffen. Am bescheidensten fiel dabei der Zuwachs im Wohnungsbau mit knapp 3 % aus, während der Nichtwohnungsbau um gut 8 % und der Tiefbau um knapp 6 % zulegen konnten. Das Geschäftsklima im Bauhauptgewerbe ist von dieser positiven Entwicklung allerdings bisher gänzlich unbeeindruckt geblieben und verharrte auch im Juni in beiden Teilen Deutschlands weiter auf eisigem Niveau. Es bedarf nach der langjährigen Flaute wohl auch mehr als eines einzelnen guten Quartals hinsichtlich der Baunachfrage, um den Unternehmen dieser Branche wieder Vertrauen in die Zukunft einzuflößen. Nicht viel anders ist die Lage im Einzelhandel, wo das Ifo-Geschäftsklima ebenfalls nicht recht auftauen will und sich im Juli in Ost und West sogar nochmals verschlechtert hat. Dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass die gesamtdeutschen Einzelhandelsumsätze im Juni erstmals seit drei Monaten wieder nachgegeben haben. Nachdem es zwischenzeitlich nach einer wenn auch bescheidenen Nachfrageerholung ausgesehen hatte, bedeutete der preisbereinigte Umsatzrückgang um 1,3 % im Juni praktisch den Rückfall auf das niedrige Niveau vom Jahresbeginn. So konnte im zweiten Quartal insgesamt letztlich wiederum nur unwesentlich mehr umgesetzt werden als in den drei vorangegangenen Quartalen, in denen der Absatz ebenfalls nur stagniert hatte. An der Zinsfront gab es zuletzt kaum Bewegung. Die durchschnittliche Umlaufrendite festverzinslicher Wertpapiere verharrte im Juli unverändert bei 5,0 %, und der Dreimonatszinssatz Euribor stieg nur minimal von 4,45 % auf 4,47 % an. Lediglich rundungsbedingt sank damit die Differenz zwischen den beiden Zinssätzen von 0,6 auf 0,5 Prozentpunkte. Für die aktuelle Entwicklung des Handelsblatt- Frühindikators, in den die exakten Werte eingehen, war dies praktisch bedeutungslos. Für sich genommen ist die in den letzten Monaten wieder angestiegene Zinsdifferenz ein positives Konjunktursignal, wenn auch nur auf mittlere Sicht. Die inzwischen vorliegenden Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung weisen für das zweite Quartal in Deutschland saisonbereinigt gegenüber dem Vorquartal nur noch eine Stagnation aus. Umgerechnet auf die gleitende Jahresrate des gesamtdeutschen Bruttoinlandsprodukts, der Referenzgröße für den Handelsblatt-Frühindikator, bedeutet dies einen Rückgang der Wachstumsdynamik von 2,3 % im ersten Vierteljahr auf nur noch 1,5 % im zweiten Quartal. Nachdem der Handelsblatt-Frühindikator das Wachstum des Vorjahres von 3,0 % fast genau getroffen hatte, hat er die Wachstumsdynamik in den beiden ersten Quartalen des laufenden Jahres um jeweils 0,7 Prozentpunkte überschätzt. Dabei ist zu beachten, dass der Indikator nur im Ausnahmefall punktgenaue Prognosen liefern kann. Sein Hauptzweck ist die frühzeitige Anzeige eines steigenden oder sinkenden Wachstumstrends und insbesondere von konjunkturellen Wendepunkten. Einen solchen Wendepunkt lässt der Indikator im laufenden Jahr jedoch nicht mehr erwarten. Eher ist zu befürchten, dass sein Quartalwert für die letzten drei Monate mit 1,3 % als Vorhersage für das Wachstum im Gesamtjahr sogar als noch zu optimistisch herausstellen könnte.

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