Erster Atomtransport seit vier Jahren nach Gorleben
Castor-Gegner beschießen Polizisten

Nach einer zunächst weitgehend reibungslosen Bahnfahrt Richtung Gorleben hat sich der Castor-Transport am Dienstagabend zur Kraftprobe zwischen Polizei und Demonstranten entwickelt. Militante Atomkraftgegner lieferten sich im Schutz der Dunkelheit im Wendland heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Dabei gingen mehrere Streifenwagen in Flammen auf. Zudem seien Einsatzkräfte mit Leuchtmunition beschossen worden, teilte die Polizei mit. Rund 25 Kilometer vor dem Zielort wurde der Transport in der Nacht zum Mittwoch erneut gestoppt. Vier Aktivisten der Umweltorganisation Robin Wood betonierten sich bei Süschendorf an den Gleisen ein, so dass der Zug anhalten musste.

dpa/rtr/ddp HANNOVER/LÜNEBURG/DANNENBERG. Die Demonstranten haben sich nach Angaben einer Robin-Wood- Sprecherin auf einen mehrstündigen Aufenthalt eingerichtet. Sie seien mit Decken und Lebensmitteln ausgerüstet. Der Castor-Transport hatte sich um 18.30 Uhr auf den Weg zur 50 Kilometer entfernten Verladestation in Dannenberg begeben.

Kurz vor Eintreffen des Castor-Transports am Dienstagabend in Dannenberg war dort die Situation eskaliert. 300 bis 500 militante Demonstranten sorgten für Rangeleien mit der Polizei. Diese setzte daraufhin Wasserwerfer ein und beseitigte eine Barrikade. Ein Polizist wurde verletzt abtransportiert. Ein Polizeisprecher teilte mit, dass Autonome die Beamten mit Essigsäure angriffen. Die Mehrzahl der rund 5 000 Atomkraftgegner verhalte sich indes ruhig.

Wie weiter mitgeteilt wurde, ist ein Polizeibus ausgebrannt. Andere Fahrzeuge seien beschädigt worden. Wo genau sich der Castor-Transport genau aufhielt, war gegen 22.30 Uhr nicht klar. Der Zug hatte zu diesem Zeitpunkt schon zweieinhalb Stunden Verspätung.

Begleitet von kleineren Störmanövern und unter dem Schutz tausender Polizisten hatte der Castor-Zug mit hochradioaktivem Abfall am Dienstag bis zum Abend seine längste Etappe hinter sich gebracht.
Bereits am frühen Nachmittag hatten mehrere hundert Atomkraftgegner bei Wendisch Evern nahe Lüneburg die Schienen gestürmt. Die Polizei schlug sich mit Schlagstöcken den Weg frei. Ein Demonstrant kettete sich an das Gleis. Mehrere Demonstranten wurden bei dem Schlagstockeinsatz verletzt und in Krankenwagen abtransportiert.

Tausende Beamte machen Castor zum teuersten Schrott des Landes

Nach dem Umladen der sechs Spezialbehälter mit rund 85 Tonnen Atommüll von der Schiene auf Schwerlaster in Dannenberg stehen am Mittwoch noch 20 Kilometer Straßentransport ins Zwischenlager Gorleben bevor. Diese Etappe gilt als die heikelste - entlang dieser Strecke hatte es beim letzten Castor-Transport 1997 die heftigsten Ausschreitungen gegeben. Zum Schutz der Behälter sind allein in Niedersachsen rund 15 000 Polizisten im Einsatz. Die Atomkraftgegner erwarten fast ebenso viele Demonstranten.

Während des gesamten Tages hatten Atomkraftgegner an zahlreichen Stellen entlang der 50 Kilomter langen Strecke zwischen Lüneburg und Dannenberg Blockaden und Gleisbesetzungen versucht. Bei Hitzacker im Wendland besetzen Mitglieder der Umweltschutzorganisation Greenpeace vorübergehend eine Eisenbahnbrücke. Die Greenpeace-Mitglieder waren mit Schlauchbooten herangefahren und mit Spezialleitern auf die Brücke über die Jeetzel geklettert. Dort brachten sie ein Transparent mit der Aufschrift "Stopp Castor" an. Zehn Umweltschützer hingen an Seilen von der Brücke herab, bis die Polizei sie dort herunterholte. Ein Umweltschützer sei verletzt worden, teile Greenpeace mit.

Demonstrationen auch an anderen Orten

Auch an anderen Stellen entlang der Strecke protestierten Atomkraftgegner. Bei Oldendorf in der Nähe von Göhrde wurden 20 Personen von der Polizei festgesetzt, weil sie eine Brücke über die Bahnstrecke mit Traktoren blockierten. "Wir räumen hier erst die Kreuzung, wenn die Bauern wieder frei gelassen sind", sagte ein Bäuerin Imme Zachow. Zusammen mit ihren Mann und anderen Landwirten hatte sie an der Bundesstraße 191 eine Straßenkreuzung in der Ortschaft Pudripp bei Dannenberg blockiert.

Der Landrat von Lüchow-Dannenberg, Christian Zühlke (SPD) sprach von einem Belagerungszustand, in dem sich die Region befinde. Es seien weitaus mehr Polizisten im Einsatz als beim letzten Atomtransport vor vier Jahren. Damals waren bundesweit 30 000 Polizisten und Grenzschützer im Einsatz, um den Castor-Transport zu schützen - 15 000 davon im Wendland. Auch dieses Mal sollen bis zu 20 000 Polizisten und Grenzschützer eingesetzt werden. In Wendland wurden bis zu 10 000 Menschen erwartet, die gegen die Atomtransporte protestieren wollten.

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