Erster Besuch eines japanischen Staatschefs in Nordkorea bei Kim Jong Il
Koizumi reist in die Höhle des Löwen

Gesunkene Spionageschiffe, Entführungen und Forderungen in Milliardenhöhe - keine leichten Themen für den Nordkorea-Besuch von Japans Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi.

TOKIO. Als erster japanischer Staatschef besucht er am Dienstag Pjöngjang. In einem Gespräch mit Kim Jong Il hofft Koizumi auf einen Durchbruch in den schwierigen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Das wäre ein wichtiger Schritt für die sicherheitspolitische Stabilisierung in Asien.

Die Chancen stehen nicht schlecht. Die Töne aus Nordkorea gegenüber Japan sind zur Zeit ausgesprochen sanft, Kim ließ in einem schriftlichen Interview mit der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo verkünden: "Wir müssen eine neue Seite in der Geschichte unserer bilateralen Beziehungen aufschlagen mit unserem gemeinsamen Willen und vereinten Anstrengungen (...)." Japan und Nordkorea verhandeln seit Jahren mit langen Pausen über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Berlin unterhält seit 2001 diplomatische Beziehungen zu Nordkorea.

Zahlreiche Probleme belasten die Annäherung der beiden asiatischen Länder. Erst Ende vergangener Woche haben die Japaner ein Spionageschiff aus dem Ostchinesischen Meer gehoben, das dort im Dezember nach einem Schusswechsel gesunken war. Vermutlich handelt es sich um ein nordkoreanisches Schiff, auch wenn die Küstenwache dies bisher nicht offiziell bestätigt. Anfang September wurde erneut ein vermutlich nordkoreanisches Schiff vor der Küste Japans gesichtet. "Spionage wird eines der wichtigen Themen sein, die angesprochen werden", sagt eine Sprecherin Koizumis.

Nordkorea verlangt Entschuldigung

Nordkoreas Führung verlangt von Japan eine Entschuldigung und Entschädigung für die japanische Besatzungszeit 1910 bis 1945. Statt dessen wird Japan wahrscheinlich Wirtschaftshilfen in Milliardenhöhe an das von Hungersnöten heimgesuchte Land zahlen. So hatten sich die Japaner 1965 mit Südkorea geeinigt. Rechnet man die damals gezahlten 300 Mill. $ Spenden und 200 Mill. $ Kredit auf heutige Verhältnisse hoch, kommen mehrere Milliarden zusammen. Nordkorea will japanischen Presseberichten zufolge mit einer Forderung von 10 Mrd. bis 13 Mrd. $ in die Verhandlung gehen. Voraussetzung Tokios für die Zahlung ist jedoch, dass Nordkorea das Schicksal von mindestens elf Japanern offen legt, die nach Darstellung der japanischen Regierung in den 70er und 80er Jahren von Nordkorea entführt worden sind. Zudem dürfe das Geld nicht zur Waffenproduktion verwendet werden.

Den Japanern sitzt noch der Schock von 1998 im Nacken, als Nordkorea eine Testrakete abschoss. Pjöngjang hat zugesichert, bis 2003 auf Raketentests zu verzichten. US-Präsident George Bush hat Koizumi gebeten, auf eine Verlängerung dieser Zusicherung und ungestörte Inspektionen der Internationalen Atomenergiebehörde in Nuklearanlagen des Landes zu drängen.

Der Zeitpunkt für Koizumis Reise ist delikat. Während der wichtigste außenpolitische Partner USA um Unterstützung für einen Angriff auf den Irak wirbt, entscheidet sich Japans Premier für die Annäherung an ein Land, das Bush noch vor einem drei viertel Jahr als Teil einer "Achse des Bösen" bezeichnet hat. Ein Ausgang der Gespräche mit Kim ist schwer vorherzusagen, denn die Nordkoreaner sind für diplomatische Kehrtwendungen bekannt.

Angesichts der drückenden Wirtschaftsnöte ist die Aussicht auf den Scheck aus Tokio jedoch verlockend. Vereinzelte zaghafte Wirtschaftsreformen werten Beobachter als Zeichen, dass dem Land das Wasser bis zum Hals steht. Viele vermuten zudem, dass Kim Jong Il wieder auf Annäherungskurs ist, weil er die Zeit nutzen will, in der in Südkorea noch Kim Dae Jung und seine Sonnenscheinpolitik regieren. Im Dezember wird in Südkorea gewählt und die bisher in Führung liegende Oppositionspartei GNP hat angekündigt, den Schmusekurs mit dem Norden beenden zu wollen.

Koizumi scheint den Durchbruch zu wollen. Die Japaner haben gebeten, auf eine Empfangszeremonie zu verzichten, um mehr Zeit für das Toptreffen zu haben. Japans Premier haben die Reisepläne im eigenen Land bisher Aufwind beschert. "Es ist eine gute Gelegenheit, auch wenn er mit leeren Händen zurückkommt", sagt etwa der Chef des wichtigsten Wirtschaftsverbands Nippon Keidanren, Hiroshi Okuda.

Quelle: Handelsblatt

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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